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trevira2000 aktualisiert.
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31. Oktober 2005 um 20:23 Uhr #5021
AnonymousGastSo jetzt soll es los gehen, allerdings nicht gleich das fertige Produkt, sondern wie schon davor praktiziert gibt es die Geschichte in kleinen Häppchen und es wird meinerseits auch noch kräftig weitergesponnen, weil die Geschichte auch noch gar nicht fertig ist, sondern diesen Winter sozusagen hier im Forum langsam fertig wird, später überarbeite ich dann das ganze noch mal.
Was könnt ihr tun?
1.
Ihr könnt mich unterstützen, indem ihr wenn ihr wollt in die Geschichte einsteigt, allerdings nur ernst gemeint, dass heisst ihr nehmt eine Rolle ein, schreibt e-mails an die Darsteller hier in der Geschichte, schickt ihnen Bilder, Ideen Möglichkeiten, Antworten …., dann überlege ich, ob ich darauf einsteige und wie …. ,
2. Leute denen was auffällt, konstruktive Kritik ist natürlich für mich wichtig der schreibe in das forum, aber bitte nicht hier rein, weil das stört die Gesamtstory, weil man dann nicht richtig weiterlesen kann
3. Für Teil I und II suche ich noch Kandidatinnen und Kandidaten, die es gelesen haben oder lesen wollen und einen Fragebogen ausfüllen würden, das ist für mich um eine Rückmeldung zu bekommen was gut ist und was nicht und so weiter.
Diejenigen geben einfach bei den Machern dieser Homepage Bescheid und ich setze mich dann per e-mail mit euch in Verbindung.Das reicht wohl erst mal?
Dann wollen wir mal starten
Grüßchen
eure Trevira 200031. Oktober 2005 um 20:31 Uhr #56419
AnonymousGastWer nicht weiss worum es geht, der schaue mal bei Stories, da sind Teil I und Teil II
Wir begleiten mal wieder die Familie Neumann bei ihren seltsamen Abenteuern.
Malte ist inzwischen 17 Jahre und auch sein Vater ist demenstsprechend „in die Jahre gekommen“.Episode III
9:25
„Hi Dad,
hoffe, dass dich die Mail noch erreicht, könntest sie ruhig öfters mal checken, ansonsten wirst du dich wundern, warum ich morgen vor deiner Tür stehen werde. Keine Sorge, ich habe das Studium noch nicht geschmissen. Obwohl es mir nach fast einem Semester schon zum Halse raushängt. Später dann mehr.“10:30
„Hallo Malte,
was ist los? Wieso brauchst du Geld? Wo willst du hin reisen? Du studierst gerade ein paar Wochen!!!!10:31
„Studium ist glaube ich nix für mich Dad, Paris macht mich fertig! Zu laut, zu voll! Ich will Wasser!“10:32
„Aber du hast dir doch Paris ausgesucht. Und das Studium auch. Du studierst Kunst und nicht irgend so ein lahmes Fach wie Informatik oder so. Du kannst auch bis zu deinem Lebensende in meinem Fitnessstudio arbeiten, aber das hältst du doch erst recht nicht aus!“10:33
„Bis zum Lebensende? Ich bin gerade 17 Jahre! Das ganze Leben breitet sich vor mir aus. Ein Meer an Möglichkeiten, Kontinente die es zu erobern gilt, ein Archipel voller Legenden, die Ungewissheit, das Abenteuer!!!“10:34
„Jetzt übertreib nicht, ich dachte so ein Kunststudium ist auch ganz spannend. Ist doch toll, dass du die Aufnahmeprüfung geschafft hast. Hast du schon mit Matt gesprochen?“10:40
„Matt gehts nicht so gut. Ruf ihn mal an, ich glaube er würde sich freuen wenn sich sein alter Dude mal an ihn erinnert.“10:36
„Was hat er denn? Ich muss ins Studio, melde mich heute Abend bei dir. Du kannst jetzt nicht nach Hamburg kommen. Und auf keinen Fall das Studium hinschmeißen! Matt rufe ich dann auch an.“22:39
„Malte? Ich erreiche dich nicht. Bitte melde dich wenn du wieder zuhause bist! Ich habe mit Matt telefoniert.“9:10
„Jetzt hör endlich dein Handy ab und ruf mich an Malte!“2. November 2005 um 8:42 Uhr #56472
trevira2000GastMaltes Notizen
Weiß auch nicht, warum ich wieder mit dem Käse anfange und so eine Art Tagebuch schreibe. Früher war es diese blöde Kamera mit denen ich alle genervt habe.
Ich sitze jetzt im Bahnhof von Paris und warte auf den Nachtzug. Richtung? Deutschland. Brauche Geld. Würde lieber den nächsten Flieger nehmen. Mit Surfboards im Zug ist eine Plackerei.
Puhh, trinke Dosenbier, ekliges Zeug aber das macht mich irgendwie gerade euphorisch. Da sieht so ein Bahnhof nicht mehr ganz so deprimierend aus. Passe mich den seltsamen Gestalten an, die hier noch unterwegs sind. Würde jetzt gerne was essen, habe aber nicht mehr einen müden Euro im Gepäck. Für die Fahrkarte musste ich die WG-Haushaltskasse plündern. Meine Kumpels werden mich verfluchen und einen Monat darben. Weiß noch nicht, wie ich das wieder gut machen soll, der Entschuldigungsbrief wird mich nicht wirklich entlasten. Hoffentlich lassen sie es nicht an Struppi dem II. aus, den ich ja da lassen musste. Scheiße, da darf ich gar nicht dran denken, womöglich bekommt der jetzt einen Monat Billigfutter. Dabei hat der doch so einen empfindlichen Darm. Ich werde Minouche noch eine Mail schreiben, Frauen lieben Hunde, die wird sich um ihn kümmern.
Hä, was will der Kerl von mir? Oh man. Seid froh, dass ihr ihn nicht sehen könnt, sieht wirklich arm dran aus. Unten der eine Fuß ist halb einbandagiert. Ich gebe ihm mal ein Bier ab. Oh fuck, jetzt hat der Alte grad Bier auf meinen Rucksack verschüttet, naja, ist jetzt auch egal.
Bin froh wenn ich im Zug bin. Einfach einige Stunden nichts tun müssen und trotzdem bewegt werden. Endlich schlafen!
Der Alte nervt jetzt wirklich, sucht wohl Anschluss.
Ich hör jetzt auf, kann ja nachher im Zug weiter schreiben3. November 2005 um 21:18 Uhr #56536
trevira2000GastIn Montalivet ist Herbst. Der Garten von Zuzette und Matt sieht ganz verwildert aus. Dort wo sonst der grüne Rasen war, ist jetzt ein buntes feuchtes Laubbett. Einige kleine Obstbäume sind schon fast kahl vom Wind, der seit Tagen über das kleine Örtchen fegt. Die Blumenbeete sind kaum zu erkennen, nur kahle Äste und vereinzelte letzte schon bräunlich angefärbte Rosenblüten sind auszumachen. Man kann das Meer rauschen hören. Nicht weit von Matt und Zuzettes Häuschen rollen gerade meterhohe Wellen auf die Küste und fressen feinen Sand.
Da kommt Chou Chou, der alte Kater, um die Ecke gehuscht und verlangsamt plötzlich seine Bewegung. Langsam und vorsichtig schleicht er nun über den nassen Boden, als könnte er im nächsten Moment ausrutschen. Die Augen sind allerdings aufmerksam auf das Gebüsch gerichtet, wo sich irgendetwas zu bewegen scheint.
Matt nimmt der Kater gar nicht wahr. Der lehnt an der Hauswand und atmet tief die milde feuchte Atlantikluft ein, die über seine Wangen streicht und seine immer noch dichten dunklen Haare in Bewegung hält. Die Hände sind in den Hosentaschen vergraben und er blickt abwesend auf die Stelle auf die es auch der Kater abgesehen hat, ganz im Gedanken, spürt auf das, was er nicht sehen kann.
„Matt?“
Erschrocken schaut Matt sich um und blickt in die braunen großen Augen von Zuzette, die plötzlich neben ihm steht. „Ja?“
„Marc ist am Telefon. Willst du mit ihm sprechen?“
„Marc? Ja, das ist gut. Schön mal wieder von ihm zu hören!“
Matt geht mit raschen Schritten ins Haus und wird von warmer Kaminluft empfangen.
Zuzette hat drinnen alles schon ganz heimelig gemacht. Auf dem Wohnzimmertisch brennen Kerzen. Tee steht auf einem kleinen Stövchen, es riecht nach Zimt und Koriander. Sie hat gerade in einem Buch gelesen, dass jetzt aufgeschlagen auf dem Sofa liegt.
Er geht in sein Arbeitszimmer und setzt sich bequem an den alten Schreibtisch, die Füße so auf die Arbeitsfläche platziert, dass die Fotos nicht beschädigt werden, die überall verteilt liegen. Die schwarze Fläche seines großen Flachbildschirms surrt als er versehentlich an die Tastatur kommt und es erscheint der Desktop mit einem seiner Lieblingsfotografien, die Malte gemacht hat.
Es ist mit Selbstauslöser gemacht. Der alte Struppi und Malte sitzen ganz ernst nebeneinander und schauen erwartungsvoll in die Kamera. Neben Struppi ein abgekauter Ball, neben Malte ein abgewetztes Skateboard.
Matt hebt den Telefonhörer hoch und sein Blick wandert während des Gesprächs über den Desktop.
„Hallo Marc, schön von dir zu hören.“
„Hallo Matt, ja, es tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde.“
„Ach, ich habe mich ja auch nicht gerade oft gemeldet. Was macht dein Fitnessstudio? Läuft es ganz gut an?“ Matt beobachtet eine Fruchtfliege die über den Bildschirm wandert und zerdrückt sie.
Ein schwarzer schmieriger Fleck bleibt zurück.
„Ja ja, viel Arbeit. Bin eigentlich jeden Tag mindestens 12 Stunden dort. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwierig es ist, gutes Personal zu bekommen. Aber eigentlich will ich gar nicht über mich erzählen. Wie geht es dir Matt? Malte hat mir eine Mail geschickt, aus der ich nicht ganz schlau wurde.“
„Ach Malte? Er hat dir gemailt? Ich habe seit Tagen nicht von ihm gehört. Als Zuzette ihn benachrichtigt hat, hat er zugehört, kaum etwas gesagt, hat dann aufgelegt.“ Er wischt mit dem Ärmel seines Sweatshirts über die fleckige Stelle auf der Bildfläche des Rechners.
„Er ist irgendwie ziemlich durcheinander, will das Studium hinschmeißen. Was ist denn los? Nun sag schon, langsam mache ich mir Sorgen.“
„Naja, es fällt mir wirklich schwer es auszusprechen, ich war vor zwei Wochen wegen starker Schmerzen beim Arzt, eigentlich dachte ich, ich bekomme ein paar Tabletten und dann ist gut, er wird mir sagen, ich soll weniger Wein trinken und ein bisschen gesünder essen. Nein verdammt, er war gleich ganz ernst, hat mich überwiesen und nun ist es raus. Ich habe Krebs, oh man, wenn ich das Wort ausspreche wird mir speiübel.“
„Ach du scheiße. Und nun? Was für Krebs denn? Krebs ist doch inzwischen heilbar.“
„Ja, aber komisch nicht, zuerst denkt man, jetzt ist es vorbei, gib´s zu, du hast es auch gleich gedacht?“
„Stimmt. Aber es ist wirklich kein Todesurteil mehr.“
„Vielleicht ist es das nicht, vielleicht aber auch doch.“
Als Matt das sagt muss er schwer schlucken und er hat das Gefühl, dass gleich der Vorhang zufällt und er weinen muss.
„Was haben denn die Ärzte gesagt?“
„Naja, was sie halt so sagen… operieren, chemo …..“
„Scheiße“
Es ist still in der Leitung. Matt starrt auf den Bildschirm und Marc auf die Tasse Kaffee vor ihm.
„Matt?“
Matt versucht sich zu sammeln, bloß nicht die Fassung verlieren jetzt.
„Ja?“
„Ich komme runter.“
„Was willst du hier, mir Händchen halten, noch sterbe ich nicht.“
„Ich will dich sehen, ich will nicht am Telefon mit dir reden, ich will bei dir sein, wenn es dir schlecht geht. Kann ich kommen?“
Matt ist unsicher, eigentlich ist ihm Zuzette jetzt schon zuviel. „Marc, mir ist das zuviel gerade, ich brauche Zeit, ich muss nachdenken, das irgendwie verdauen, die Angst einzäunen, keine Ahnung. Ich lege jetzt auf ja?“ Der letzte Satz ist fast ein Flüstern, schnell legt Matt auf und das erste Mal seit er von der Diagnose weiß muss er weinen, um sich und alles was er gern hat.
„Matt?“ Marc hält noch immer den Hörer in der Hand. Im Magen hat sich ein schwerer Kloß gebildet und plötzlich erscheint alles um ihn herum so belanglos und fast wie eine Provokation.
Auch nach einer Stunde sitzt er immer noch unbeweglich in dem Sessel, nur con als schwarze Silhouette erkennbar. Der Kaffee ist längst kalt und draußen ist es inzwischen dunkel geworden.4. November 2005 um 23:18 Uhr #56562
trevira2000GastEin heftiger Schmerz im Nacken macht es Malte unmöglich den Kopf zu bewegen. Auch der Versuch, die Augen zu öffnen, misslingt. Unter sich fühlt er kalten harten Boden. Langsam dreht er sich auf die Seite und ein stechender Schmerz lässt ihn in der Bewegung erstarren. Stöhnend fasst Malte vorsichtig mit der Hand über sein Gesicht. Die Augen sind noch da, fühlen sich aber ungewöhnlich dick an. Auf der Zunge schmeckt er getrocknetes Blut. Die Lippen sind tief eingerissen. Die Nase ist auch noch da, fühlt sich aber seltsam taub an.
Er hört Stimmen von weitem und nahende Schritte. Ängstlich bemüht Malte sich, etwas zu sehen, aber es gelingt ihm nicht. Die geschwollenen Augen lassen sich einfach nicht bewegen. Die Schritte kommen näher, er hört Leute lachen. Eine Dose scheppert. Dann halten die Schritte plötzlich an. „Ey, da liegt einer.“ „Ist der tot?“ „Weiß ich doch nicht“ „Geh doch mal hin“ „Wieso ich? Geh du doch.“ „Hey, ich kann kein Blut sehn.“ Jetzt kommt einer näher. Malte versucht sich zu bewegen und etwas zu sagen, aber es kommt nur ein Stöhnen aus dem blut- verkrusteten Mund.
„Man, der sieht total fertig aus, aber er bewegt sich.“ „Was macht denn der hier am Bahndamm, hier kommt sonst nie jemand.“ „Red nich so viel, komm lieber her alter Hosenscheißer. – Hallo? Hey – kannst du mich hören?“ Wieder versucht Malte etwas zu sagen. Er kann das, was die beiden sagen nicht verstehen, irgendwas slawisches. Plötzlich fühlt er eine kalte Hand auf seiner Wange. „Hey Kleiner. Siehst aber ordentlich zugerichtet aus. – Olek, den könn wir hier nicht liegen lassen. Du musst mir helfen.“ „Wie helfen? Du willst den tragen? Dein Auto steht fast ein Kilometer von hier.“ „Maul nich rum. Pack an.“ Malte fühlt wie einer von den beiden ihn unter die Arme greift und einer seine Beine fasst. Stöhnend lässt er es geschehen. Ein vorbeirasender Zug fährt mitten durch seinen Kopf und er kämpft gegen aufkommende Übelkeit. „Scheiße man, ich glaub der muss kotzen.“ „Wir legen ihn vorsichtig auf die Seite.“
Malte übergibt sich auf einem Stück Rasen, er riecht das feuchte Gras, das sich mit seinem sauren Geschmack mischt. „So jetzt weiter.“ Der Schmerz im Rücken ist fast unerträglich und Malte muss sich zusammenreißen, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Unendlich lange kommt ihnen allen Dreien die Strecke vor, bis endlich unter einem Bahnübergang der Wagen zu sehen ist. Sie legen Malte vorsichtig auf die Rückbank. „Und jetzt? Wohin mit ihm Tomasz?“ Tomasz macht das Licht an und schaut sich Malte genauer an, „ich weiß nicht. Hey frag nicht so viel, kannst´de nicht mal selber deine Birne anknipsen?“ „Na, du hattest doch die Idee, ihn hierher zu schleppen.“ „Halt die Klappe. Du nervst. Ich nehm den mit. Der kann bei mir pennen.“ „Du willst den mit zu dir nehmen? Bist du bekloppt? Wir fahrn den ins Krankenhaus.“ „No Hospitale!“ nuschelt Malte entsetzt. „Dann legen wir ihn halt irgendwo anders hin und rufen die Polizei.“ „No Policia – bitte!“ mischt sich Malte wieder ein, soviel konnte er verstehen, er versucht vergebens die Augen aufzubekommen. „Ok, Ok. Wir entscheiden das später. Tomasz lass uns fahren.“ Mit diesen Worten startet Tomasz den Wagen und der alte Opel trägt die Drei langsam durch das Güterbahngelände.6. November 2005 um 18:23 Uhr #56602
trevira2000Gast„Oh sorry, soll ich das Licht wieder ausmachen?“ „Ne, lass nur an, der sieht eh nix“ Malte riecht Katzenfutter und hört erneut diese slawischen schnellen Sätze um sich herum. Er muss doch wieder bewusstlos geworden sein, denkt er. Wie er aus dem Auto kam, daran kann er sich nicht erinnern. Übelkeit kommt wieder hoch. Er hört Fernsehstimmen und jemanden über einen Holzfußboden gehen. Dann werden Bierflaschen geöffnet. Er versucht die Nachrichtenstimme im Fernseher zu verstehen. Kein Französisch, kein Deutsch und Englisch auch nicht.
„Bist du noch sauer Tomasz?“ „Klar bin ich sauer. Wieso sollte ich nicht mehr sauer sein? Und kau nicht immer an den Nägeln, mit dir kann man ja nirgends mehr hingehen.“
Malte gibt es auf, irgendetwas zu verstehen, er konzentriert sich wieder auf seine Magentätigkeit und verändert vorsichtig seine Lage. Die Decke riecht mufflig und er schiebt sie etwas vom Gesicht weg. Die stabile Seitenlage scheint die Angebrachteste, wenn da nur nicht dieses Katzenfutter wäre. Der Schmerz im Rücken ist immer noch da, hintergründiger jetzt, aber noch da. Dieser Katzenfuttergestank ist unerträglich. „Ich glaub, ich muss kotzen,“ ruft er verzweifelt. Jemand springt auf. „Was hat er gesagt?“ „Ich glaube er muss kotzen.“ „Kotz mir ja nicht auf meine einzige Decke. – Hier ist ein Eimer.“ Als er den Eimer riecht, hält Malte nichts mehr. „Man Kleiner, da ist doch nix mehr drin im Magen.“ Malte fühlt wieder diese wohltuende kalte Hand im Gesicht. Jemand legt ihm einen kalten Waschlappen auf die Augen. Der Waschlappen riecht auch nicht gerade nach Douglas und Malte wünscht sich, dass seine Nase wenigstens vorübergehend abgestellt wird.
„Pointbreak – runter da vom Bett.“ Pointbreak scheint das Ding zu sein, das da
gerade auf seinen Beinen herumspringt.„Hier ist ein bisschen schwarzer Tee, du musst was trinken, “ sagt Tomasz auf Englisch und hält Malte eine Tasse unter die zerschundene Lippe während er
vorsichtig seinen Kopf abstützt. Dankbar trinkt Malte ein paar Schlucke. „Danke,“
antwortet er auf Englisch. „Olek, hast du gehört. Er kann auch Englisch. „Ich habe Aspirin drin aufgelöst, hilft vielleicht ein bisschen gegen die Schmerzen. Du solltest auch was essen, hier probier mal den Zwieback.“
Malte kaut auf dem trockenen Zwieback herum und sein Mund fühlt sich wund an
bei jeder Kaubewegung. „Siehst nicht so begeistert aus,“ meint Tomasz mitleidig und reicht ihm einen weiteren Zwieback. Olek lacht im Hintergrund, „na, wenn er nur nicht begeistert aussehen würde, ginge es ja, er sieht aber eher wie Frankenstein persönlich aus.“ „Mach dir nichts draus, Olek meint es nicht so.“ Malte versucht zu grinsen, aber er kann nur Schmerz verzerrt sein Gesicht zu einer Fratze verziehen. Sanft legt Tomasz Maltes Kopf auf dem Kissen ab. Malte murmelt ein Danke und fällt wieder in einen tiefen traumlosen Schlaf.8. November 2005 um 0:23 Uhr #56667
trevira2000GastAls er das nächste Mal aufwacht hört Malte keine Geräusche. Es ist seltsam still und nur ab und an kann er ein fahrendes Auto irgendwo weit weg ausmachen. Es ist kalt in dem Raum und er zieht die stinkende Decke etwas höher. Vorsichtig versucht er die Augen aufzumachen, geht aber nicht, irgendetwas ist davor. Er streicht langsam über sein Gesicht, das sich immer noch geschwollen anfühlt. Ein Verband bedeckt seine Augen. Er tastet weiter mit den Händen über seinen Kopf und auch da ist der Verband zu spüren. Irgendjemand hat ihn medizinisch versorgt.
Die kalte Luft lässt ihn schnell die Hände wieder unter die warme Decke legen. Hier forscht er nach weiteren Verletzungen. Tastet über seinen Brustkorb. Hier ist alles druckempfindlich, wahrscheinlich voller blauer Flecken denkt Malte. Er bewegt vorsichtig die Beine und schiebt die Knie nach oben. Auch sie fühlen sich an, als wären sie zweimal so dick, aber das schlimmere ist der stechende Schmerz im Rücken, entfacht durch die Bewegungen der Beine. Schnell legt er die Knie wieder ab und atmet gegen den Schmerz an.
Die Stille um ihn herum macht ihn unruhig. Zur Bewegungslosigkeit verdammt fällt er nach einer Weile wieder in einen unruhigen Schlaf.Seine Blase läst ihn diesmal aufwachen. Diesmal hört er allerdings Geräusche im Hintergrund. Jemand klappert mit Töpfen und singt dabei irgend etwas englisches. „Hallo?“ Malte versucht auf sich aufmerksam zu machen, aber es bedarf eines weiteren Versuches, bis Tomasz ihn endlich wahrnimmt. „Ich komme sofort, spüle nur schnell die Kartoffeln zuende ab.“ Malte hört Wassergeräusche, dann wie ein Topf mit Wasser gefüllt und abgestellt wird, wahrscheinlich auf dem Herd, vermutet Malte. „So, jetzt bin ich da. Was kann ich für dich tun? Wie geht’s dir?“ fragt Tomasz im fließenden englisch und fühlt besorgt mit der Hand auf Maltes Stirn. „Ich muss mal. Aber ich glaube ich kann mich nicht bewegen,“ antwortet Malte ebenfalls auf Englisch. „Ich hole dir eine Flasche, da kannst du reinpinkeln,“ meint Tomasz pragmatisch. Nachdem sich Malte erleichtern konnte und Tomasz wieder zu seinen Töpfen gehen will fragt Malte ihn hastig, “bitte wo bin ich hier und was ist mit meinen Augen?“ „Keine Sorge, deine Augen werden schon wieder. Der Arzt hat eine Tinktur reingeträufelt und Salbe auf die Lider geschmiert, es wird wieder. Mit deinem Rücken sieht es übler aus, du hast eine verdammt schlimme Prellung und auch deine Rippen sind nicht mehr alle intakt. Du musst einen schlimmen Sturz hinter dir haben.“ „Ich kann mich verdammt an nichts erinnern. Das Letzte was ich weiß ist, dass ich im Zug nach Köln unterwegs war. Wo bin ich hier?“ Tomasz setzt sich neben Malte aufs Bett und zupft die Bettdecke gerade, „du bist in Warschau. Bei mir in meiner bescheidenen Behausung. Wir haben dich auf einem Güterbahnhof aufgegabelt.“ „In Warschau? Wo ist das? Doch nicht das Warschau in Polen? In Geographie war ich immer eine Memme. Sag mir einfach, dass das nur so ähnlich heißt und ein Vorort von Frankfurt ist, “ fragt Malte entsetzt und versucht sich aufzusetzen, aber die Schmerzen im Rücken lassen ihn schnell wieder nach hinten sinken. „Wir sind im guten alten Polen. Keine Angst. Der kalte Krieg ist vorüber und die Polen sind gar nicht so kommunistisch wie man vielleicht denken könnte.“ Antwortet Tomasz lachend.
Malte begreift das kaum. Wie war er hierher gekommen. Verdammt er konnte sich an nicht erinnern. Wo wollte er eigentlich noch mal hin? In ihm kam Panik hoch, alles vergessen zu haben, nein nein, reiß dich zusammen, denkt er, es ist alle gar nicht so schlimm, du wolltest nach Hamburg, genau! „Malte?“ Tomasz´s Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. „Ja?“ „Du musst keine Angst haben. Ich tu dir nix, wir werden dir schon helfen soweit es geht. Jetzt mache ich erst mal einen guten Kohleintopf.“ „Kohleintopf? Das hört sich gut an, habe lange nichts mehr gegessen,“ Malte fühlt seinen leeren Magen und bekommt richtig Appetit. „Das ist ein gutes Zeichen der Besserung, du wirst sehen, bald bist du wieder auf dem Damm!“ macht Tomasz ihm Mut und geht gut gelaunt zum Herd an der offenen Küchenzeile.
„Tomasz?“ „Ja?“ „Danke!“ ein warmes Gefühl durchströmt Maltes Kopf und entspannt lässt er die Küchengeräusche an sich vorbeiklappern und fühlt sich plötzlich wie früher als Kind, als er krank im Wohnzimmer lag, ganz dicht bei seiner Mutter, während sie auf der Schreibmaschine hämmerte.8. November 2005 um 23:01 Uhr #56684
trevira2000GastHamburg
Als Handke den Edeka Laden verlässt, muss er immer wieder auf den Mann vor ihm schauen, dessen schwarze Hose bis über die Kniekehlen hinauf helle Flecken hat, von der Zunge des Hundes, der neben ihm herläuft. `Schon ne´ eklige Sache´ denkt er bei sich als er von der Vibration in seiner linken Hosentasche aufgeschreckt wird. Das Handy meldet sich. „Ja?“ „Hier ist Detlef. Du hast Kundschaft. Kannst du kommen?“ „Bin auf dem Weg. In 20 Minuten steh ich auf der Matte.“ Endlich ein Auftrag.
Handke steigt auf sein altes Fahrrad und fährt Richtung St. Georg. Hier hat er nach langem Suchen ein bezahlbares Büro gefunden. Voller Stolz schaut er auf das Schild an der Tür „Privatdetektei Handke – diskret und schnell“, als er die Haustür aufschließt. Neben seinem Büro öffnet gerade ein Pornovideoladen und der Verkäufer wirft einen skeptischen Blick auf den 2 m großen schlaksigen Privatdetektiv.
„Hallo, der Kunde sitzt schon in deinem Büro,“ begrüßt Detlef seinen Chef geschäftig und gießt schon mal Kaffee in die vorbereitete Thermoskanne. Auch er ist aufgeregt, er hat diesen Job erst seit 2 Tagen. Skeptisch schaut Handke auf die Blumen auf dem Empfangstisch und die neuen Bilder an der Wand. „Sieht hier ja fast wie im Heiratsvermittlungsinstitut aus,“ sagt er und hängt seine alte Lederjacke ausnahmsweise mal auf einen Bügel. „Soll ich die Bilder wieder abnehmen? Ich dachte so ein bisschen Atmosphäre würde dem Empfangsraum gut tun,“ Detlef schaut Handke lächelnd an und öffnet ihm die Tür ins Büro. „Darüber sprechen wir noch,“ meint Handke und geht zielstrebig und erwartungsvoll hinein zu seinem ersten hoffentlich Gewinn bringenden Job in diesem Metier. Nach jahrelanger Tätigkeit als Leibwächter soll das nun seine zweite Karriere werden. Der Kunde sitzt auf dem Ledersessel, den Handke vorm Sperrmüll retten konnte. „Guten Tag Herr …….?“ „Neumann. Hallo.“ `Ein kräftiger Händedruck´ denkt Handke und setzt sich dem Kunden gegenüber hinter seinen Schreibtisch.
Das Büro ist karg eingerichtet. Ein Regal mit Ordnern, die zur Tarnung schon einmal beschriftet wurden und Detlef mit leerem Papier gefüllt hat. Auf dem Schreibtisch ein Foto von seiner Ex Frau und seinen Ex Kindern. Daneben ein Telefon und ein Computer. Herr Neumann wirkt etwas zu kräftig für den zierlichen alten Ledersessel. Seine Augen blicken Ziel gerichtet und kritisch, er sieht aus, als würde er gleich wieder aufspringen wollen. Handke schätzt ihn so auf vierzig Jahre, kann sich aber auch täuschen. Die Klamotten wirken sehr jugendlich, allerdings wirkt das Wetter gegerbte Gesicht älter. „Was kann ich für Sie tun, Herr Neumann?“
„Sie müssen meinen Sohn finden,“ sagt dieser und schaut mit stahlhartem Blick auf Handke. `Der ist es gewöhnt, Befehle zu geben´ , denkt der und bietet seinem Kunden eine Zigarette an. Marc Neumann lehnt ab und Handke legt die Schachtel wieder bei Seite, „Dann erzählen sie mal ganz genau worum es geht“.
„Mein Sohn Malte ist 17 Jahre und lebt und studiert in Paris. Vor einer Woche ist er dort abgehauen und wollte nach Köln mit dem Nachtzug. In Köln ist er nie angekommen. Inzwischen ist sein Gepäck gefunden worden und sein Handy ist irgendwie in den Händen von fremden Leuten, die bei mir schon angerufen haben. Ich habe sie nicht verstanden, sprechen irgendwie eine slawische Sprachen. “
Handke denkt nach, das hört sich nach einem aufwendigen Auftrag an, „dann müssen wir dort anfangen zu suchen, wo er das letzte Mal gesehen wurde.“ „In Paris. Trauen sie sich diesen Auftrag zu?“ fragt Marc und schaut auf das Gesicht seines Gegenübers. Er ist sich selbst nicht sicher, ob das der richtige Weg ist. Vielleicht sollte er doch die Polizei einschalten? Aber wenn Malte was angestellt hat? Die Polizei konnte er bei Versagen des Detektivs immer noch einschalten. „Ich übernehme den Auftrag. Aber das wird nicht billig.“ „Es gibt noch eine Bedingung, sie müssen einen Freund von mir mitnehmen, er heißt Furby.“ „Ich arbeite nicht mit Amateuren.“ „Malte vertraut Furby. Nur so oder gar nicht.“
Handke ist skeptisch. `Wahrscheinlich will er mich kontrollieren´, denkt er und nickt dann aber. `Was soll´s, das ist mein erster Auftrag, da muss man Zugeständnisse machen. Und wer weiß, den Furby krieg ich schon klein,´ mit diesen Gedanken holt er ein Notizheft aus der Schublade und fordert Marc auf, weitere Daten und Details zu nennen.9. November 2005 um 20:13 Uhr #56721
trevira2000GastWarschau
In die Decke eingehüllt, die ihn seit mehreren Tagen begleitet, schaut Malte aus einem der 4 großen Fenster, die die eine Wand des Raumes fast komplett ausfüllen. Es sind kaum mehr als null Grad im Raum, so vermutet er.
Gerade fährt eine Straßenbahn quietschend über die verschneiten Kopfsteinpflaster. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein Lastwagen, der ein Hotel mit Lebensmitteln versorgt. Es ist ein altes Gebäude, dass sicherlich mal eine hellere Fassade hatte, jetzt ist es vom Russ geschwärzt. Nebel liegt über der Stadt und drückt den scharfen Kohlegeruch durch die schlecht isolierten Fenster. Verzweiflung kommt bei Malte hoch und er kann die Tränen gerade noch zurück halten. So fremd hat er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Er setzt sich auf einen der beiden Sessel, die mitten im Raum stehen und betrachtet seine Umgebung. Seit zwei Tagen kann er wieder ganz gut gucken, die Schwellungen sind fast abgeklungen. Es muss sich um eine alte Fabrik handeln, in der Tomasz wohnt. Der Raum ist bestimmt vier Meter hoch und hat vielleicht 200 qm Fläche. In der einen Ecke des Raumes ist eine Kochnische und eine kleine Duschkabine aus der aber nur kaltes Wasser kommt. Das Klo ist nicht größer als eine Besenkammer und das braune Wasser, das aus der Spülung kommt, weist auf alte Rohre hin. In der Mitte des Raumes zwei Sessel, ein Fernseher auf einer Obstkiste und einige Bücher die herumliegen. Etwas erhöht auf einem Podest, das Bett. Von dort hat man einen herrlichen Blick auf die Plattenbauten Warschaus. Dann noch Leinwände, Farben und eine riesige Staffelei verteilt im Raum.
„Hallo?“ Eine Stimme schreckt Malte aus seinen Betrachtungen hoch. Er dreht sich langsam zur Tür. Sein Rücken ist immer noch ziemlich angeschlagen. Dort steht ein Mann und schaut neugierig auf Malte. Er sieht polnisch aus, denkt Malte, zierliche Figur, glattes kurzes Haar und diesen melancholischen Blick. Er ist vielleicht 30 Jahre, oder jünger? Schwer einzuschätzen. „Hallo,“ antwortet Malte einfallsreich und wartet. „Ich bin Mateusz,“ antwortet dieser und kommt zu Malte, und reicht ihm die Hand und Malte erwidert den Gruß, „ich heiße Malte.“ „Hab schon von dir gehört und dachte, ich schau mal nach dir, Tomasz ist länger unterwegs, wenn du magst, kannst du mir ein bisschen Gesellschaft leisten. Habe was gekocht drüben,“ sagt Mateusz in einem etwas holprigen Englisch und schaut Malte freundlich an. Der kann es kaum fassen, etwas Warmes essen? „Drüben?“ „Ja, ich wohne im gleichen Gebäude.“ „Das hört sich gut an. Aber das ist doch kein normales Wohnhaus oder?“ fragt er während sie durch einen dunklen großen Gang gehen. „Wir wohnen hier alle illegal, aber es wird geduldet. Du kannst dir in Warschau keinen Wohnraum leisten. Wir sind alle Künstler hier und brauchen Arbeitsflächen. So haben wir diese Fabrik besetzt vor ein paar Jahren.“ Malte hat schon den Überblick verloren, Treppe rauf, Treppe runter, wieder durch einen Gang, zwischendurch der Blick auf eine große Halle. „Man, hier finde ich nie zurück.“ „Macht nix, zeig dir das dann schon,“ meint Mateusz und schließt eine große Eisentür auf und sie betreten einen hellen großen Raum. Eine wohlige Wärme kommt Malte entgegen. Hier ist es um einiges gemütlicher. Das Mobiliar ist auch karg, aber ein Teppich und ein großes Sofa sowie einige arabische Utensilien machen es gleich gastfreundschaftlich. „Setz dich an den Tisch dort am Fenster, ich serviere uns gleich ein kleines Menü,“ sagt Mateusz und geht zu seiner Küchenzeile, die selbst gebaut aussieht. Malte setzt sich an einen alten Holztisch und betrachtet die Objekte, die überall herumliegen. Auf der Mitte des Tisches eine ganze Bataillon von seltsamen Gestalten aus Keramik, die alle in seine Richtung schauen. „Keine Angst, die tun nichts,“ sagt Mateusz lachend als er das skeptische Gesicht von Malte sieht, „ist dir noch kalt?“ „Nein es ist sehr sehr angenehm. Hmm, die Decke ist mein Kleidungsersatz. Hab nichts anzuziehen,“ antwortet Malte unangenehm berührt. „Ich schau gleich mal was ich so hab. Tomasz hat wohl nicht daran gedacht.“
Die Herzlichkeit von Mateusz wirkt so angenehm auf Malte, dass er die ganzen Umständen, die ihn hierher führten, einen Moment vergisst. „So, es gibt Rote Beete Eintopf, nicht besonderes, aber immerhin,“ „Heißt das nicht Borsch oder so ähnlich?“ „Hey du kennst dich ja aus. Schon mal polnisch gegessen?“ „Auch schon gekocht,“ antwortet Malte und schaut interessiert auf den großen Topf, der jetzt zu den seltsamen Objekten auf den Tisch gestellt wird.10. November 2005 um 21:27 Uhr #56759
trevira2000GastHamburg
„Maike!“ Marc schaut erstaunt auf die kleine Gestalt, die vor ihm steht. Sie hat wieder ihren Wintermantel an, den sie immer ab November trägt. Das nicht mehr aufhörende Klingeln an der Tür hat ihn endlich dazu bewegt, sich aus dem Sessel zu bewegen, in dem er seit Stunden gesessen hat und auf das Telefon schaute.
„Darf ich reinkommen? Schau mich nicht so an, als würdest du mich nicht wieder erkennen. Oder sehe ich so anders aus?“, sagt Maike und schaut Marc prüfend an. Er sieht mitgenommen aus, dunkle Augenränder, blass und seine Kleidung ist vollkommen verknittert, als hätte er darin geschlafen.
„Entschuldige, klar komm rein.“
Marc steht nun unentschlossen im Flur, wie ein kleiner Junge, der nicht weiß was als nächstes zu tun ist. Maike hat ihn noch nie so erlebt. Entschlossen zieht sie ihren Mantel aus und hängt ihn auf die Garderobe.
„Ich mache uns einen Tee, ja? Hast du welchen da?“ Sie geht zielstrebig in die Küche, ein heilloses Durcheinander erwartend. Aber es sieht alles blank geputzt aus, nur eine leere Flasche Wein steht auf dem Küchentisch.
Marc schleicht neben ihr in die Küche und setzt sich hilflos auf einen der Stühle.
Sie setzt Wasser auf und nimmt neben ihm Platz, rückt noch ein wenig näher, legt langsam ihre Hand auf seine Hände. die gefaltet auf dem Tisch liegen.
„Hey Marc,“ flüstert sie sanft, „jetzt sag was ist passiert?“13. November 2005 um 16:15 Uhr #56880
trevira2000GastWarschau
„Jetzt sehe ich aus wie ein alter Pole!“ Malte schaut sich im Spiegel an. Hinter ihm steht Mateusz und lacht, „die Hose ist etwas weit, aber noch ein paar große Teller Suppe mit ein wenig Speck und es wird schon wieder.“
Malte ist da etwas skeptischer, „man, die Nase wird nie wieder gerade, oh Gott,“ was er dort im Spiegel sieht ist ein ganz schön ramponierter 17 jähriger Idiot, denkt er. Die blonden Haare sind lang geworden, hängen wirr zur Seite und betonen sein sowieso schon schmales Gesicht. Die Nase ist blau und dick geschwollen, seine Augen haben sich ganz gut erholt, es lassen sich so etwas wie Lider erkennen. Der Pullover ist schön warm, hängt aber über seinen mageren Oberkörper wie ein schlaffer Sack. „Komm komm, das wird schon wieder,
aber was du brauchst ist ein bisschen Bewegung und frische Luft! Willst du mitkommen? Ich will ein paar Fotos machen draußen?“
„Raus gehen? Warum nicht. Köln, Warschau, alles ist besser als Paris.“ „Hier zieh meinen Mantel an, es ist frisch draußen“, Mateusz wirft ihm einen dunklen Wollmantel hin.*
Brief von Malte an Minouche
Liebe Minouche,
ich bin in Warschau. Jaja, das Warschau! Jetzt erschrecke nicht gleich. Falls dich jemand fragt, wo ich bin, dann sag bloß niemanden etwas. Ich vertraue dir!!!
Muss ja nicht jeder wissen, dass ich immer noch ein Problem mit Geographie habe.
Die Idee von Abenteuern und zu erobernden Kontinenten hat sich schneller verwirklicht als ich gedacht hätte. Nun gut, ich bin zwar immer noch auf dem gleichen Kontinent, aber irgendwie habe ich das Gefühl ich bin in einer vollkommen fremden Welt. Warschau! Polen! Hier ist Winter! Dabei ist Herbst. Alle frieren, und es gibt keinen Strom, naja jedenfalls nicht bei meinen Herbergseltern Tomasz und Mateusz.
Hatte übrigens einen kleinen Unfall, aber mir geht es langsam besser. Ich werde jeden Tag mit Kohlsuppen gefüttert und die Wunden heilen. Weißkohl ist hier irgendwie das Modeessen, genau wie rote Beete. Aber das muss man den Polen lassen, sie machen schmackhafte Dinge daraus! Nix mit Mac Doof oder Döner.
Heute war ich das erste Mal draußen, noch ziemlich wackelig auf den Beinen, sah neben Mateusz aus, als wäre ich sein altes Mütterchen, vor allem mit diesem von Motten zerfressenen Mantel. Die Gegend ist wirklich nicht zu empfehlen hier. Es ist Tristesse pur, die beste Stimmung um sich vom Plattenbau zu stürzen. Aber das kann ich meinen Herbergseltern nicht antun, wo die sich schon so um mich gekümmert haben, naja und dir natürlich auch nicht und vor allem Struppi den II. nicht, könntest du ihn bitte an dich nehmen? In der WG werden sie ihn wahrscheinlich braten oder grillen, weil ich die Haushaltkasse plündern musste.
Was ich jetzt mache? Keine Ahnung.
Mir fehlt jeglicher Antrieb. Dieser morgendliche Nebel scheint sich in mein Hirn gefressen zu haben und treibt dort sein Unwesen.
Und immer wieder erscheint dort im Nebel das Gesicht von Matt, ich kann es einfach nicht vertreiben. Surfer bekommen doch kein Krebs oder?Dein Malte,
der dich ein bisschen vermisst
aber auch froh ist, weit weg zu sein15. November 2005 um 0:16 Uhr #56909
trevira2000GastRichtung Paris
„Zigarette?“ Furby hält Handke die Zigarettenschachtel hin, sozusagen als Friedensangebot. „Dies ist ein Nichtraucherauto,“ lautet die knappe Antwort von Handke, der gerade von einer Raststätte wieder auf die Autobahn auffährt. Im Autoradio läuft „Soldier“ von Eminem und Handke´s Finger bewegen sich leicht auf dem Lenkrad hin und her. Furby packt die Zigarettenpackung missmutig ins Handschuhfach, für diese Fahrt das Schlimmste befürchtend. „Nanana, nicht so griesgrämig. Nach drei Tagen lässt das Bedürfnis nach einer Zigarette nach,“ meint Handke und grinst hämisch. „Und wie sieht es mit Alkohol aus, darf ich mich wenigstens vollaufen lassen, um Ihr dummes Grinsen besser zu ertragen?“ „Da Sie mich demnächst beim Autofahren ablösen werden, halte ich dies für eine riskante Idee,“ antwortet Handke lachend. `Die gute Laune ist kaum zu ertragen´ denkt Furby und dreht den Sound lauter. „Trifft wohl Ihren Geschmack?“ fragt Handke. „Say Goodbye Hollywood ist jetzt genau der richtige Song für mich.“ „Hollywood? Sie wollten wohl berühmt werden oder was?“ „Sie nicht?“ fragt Furby gelangweilt zurück und kurbelt das Seitenfenster runter. Vielleicht hilft frische Luft gegen dieses penetrante Rasierwasser von Handke, denkt er. „Alles Illusion. Halte nicht viel vom Berühmt werden. Das Leben wird dadurch nicht aufregender. Hier, hier ist das Abenteuer,“ Handke zeigt auf seinen Kopf. „Abenteuer hatte ich schon ne Menge. Wenn man die Neumanns kennt wird das Leben spannend. Und eigentlich wollte ich den zweiten Lebensabschnitt etwas ruhiger angehen.“ „Zweiter Lebensabschnitt? Wieviele haben sie denn?“ fragt Handke, sich lustig machend. „Ich rechne ja so mit Vieren, na halt bis Hundert,“ entgegnet Furby ernst und schaut auf die vorbei rauschende trübe Gegend und Wolkengebilde, die sich gerade zu einer Schweineherde formieren. „Dann sind sie 26 Jahre? Soso, sind aber noch verdammt jung Kleiner.“ Handke schaut Furby nachdenklich von der Seite an. `Man ist der jetzt neidisch oder was´ denkt Furby.
„Erzählen sie mir alles, was sie über Malte wissen,“ sagt Handke dann nach einer Weile und Furby fängt an, von seiner Odyssee mit Malte zu berichten (siehe Teil I und Teil II).
Mit „My Dad´s gone Crazy“ verlassen wir die beiden Helden auf ihrer Fahrt ins verhangene Paris.
Dort nämlich, in der französischen Metropole, schüttet es gerade aus vollen französischen Eimern und alles was nicht im Auto sitzt, versucht sich irgendwo ins Trockene zu retten. Eine schmale Frau, gekleidet in einem schwarzen Trenchcoat, läuft fast vor ein Auto, als sie stürmisch die Straße überqueren will, um unter einem Balkon Schutz zu suchen. Auf dieses Wetter ist Svenja nicht vorbereitet, wie sollte sie auch, sie kommt gerade aus der Karibik wieder, herrlichster Sonnenschein, tropisches Klima, phantastische Wellen. Noch immer schwingt alles nach in ihr und der Regen kann die gute Laune und Bilder kaum verwischen. Jetzt noch zwei Tage in Paris bummeln und dann weiter nach Amsterdam, so ihr Plan.
Auf jeden Fall will sie Malte noch besuchen, der jetzt ja in Paris Kunst studiert. Sie muss sich unbedingt seine WG anschauen, denkt sie lächelnd, sich schon vorstellend wie es in so einer Männer WG wohl aussieht. Seit zwei Jahren besuchen sie sich nun schon ab und an. In Amsterdam war Malte bisher mindestens zweimal im Jahr um sich mit Pommes voll zu futtern, sich bis nachts herumzutreiben und shoppen zu gehen. Gerne überlässt Svenja ihm dann ihr Gästebett. Er revanchiert sich in Frankreich mit Sightseeingtouren, leckeren Menüs, seine Kochkünste sind nämlich einmalig, und gemeinsamen Surfausflügen. Ja, denkt sie, inzwischen hat sie den vorlauten Kerl wirklich ins Herz geschlossen. Die Geschichte mit seiner Mutter und ihr ist endgültig vom Tisch, so scheint es jedenfalls.15. November 2005 um 23:32 Uhr #56933
trevira2000GastMarc
Als Marc über die glitschigen Felsen nach unten klettert, muss er alle Aufmerksamkeit darauf richten, nicht auszugleiten. So kommt es wahrscheinlich auch, dass er erst ziemlich spät das Boot entdeckt, dass dort vertäut am Steg im Wasser liegt. Verwundert schaut er sich um, irgendjemanden muss doch dieses Boot gehören, denkt er. Die Uferzone ist aber menschenleer.
Der Himmel lässt nichts aus, er gibt alles was er zu bieten hat. Schwere Regentropfen prasseln auf Marc herab und der Horizont sieht aus wie ein großer Balken Nacht der auf ihn zukommt. Er klettert über einen abgeholzten Stapel Stämme und sein Gesicht ist zerkratzt als er sich durch einen Brombeerstrauch endlich ans Ufer an den Steg durchgekämpft hat.
Warum nicht das Boot nehmen, statt die zwei Kilometer zum Lineup zu paddeln, denkt er. Ganz vorsichtig, das Board muss sorgfältig abgelegt werden, steigt er in das kleine Motorboot, dass unter seinem Gewicht anfängt zu wanken.
Er lässt den Außenbordmotor an, der sogleich anspringt. Als hätte das Boot nur darauf gewartet ihn dort mit hin zu nehmen, wo Marc jetzt hin will. Noch einmal ein Blick in die Umgebung. Nein niemand scheint sie wahrzunehmen, wie auch, bei dem Sturm, der sich immer mehr zusammenbraut und gleich dort draußen sein wahres Gesicht zeigen wird.
So bewegt er sich zielsicher auf das Felsenriff zu, das diesen Küstenabschnitt vor den großen Wellen schützt.
Die Gischt verwandelt die Luft in einen schmierigen Salzfilm. Überall setzt er sich ab, auf den Lippen, im Haar, auf dem Neoprenanzug. Mit jedem Atemzug eine ordentliche Ladung Welle, denkt Marc grimmig. Er spürt, wie sein Adrenalinspiegel steigt, als er hinter dem Felsriff riesige Wände Weißwasser sieht. Er stoppt die Fahrt und damit endet auch die Ouvertüre. Das Donnern riesiger Sets die das Riff bearbeiten löst das harmlose Rattern des kleinen Motors ab. Er wirft den Anker raus, in der Hoffnung, dass ihn später dass Boot hier wieder aufnehmen wird.
Noch einmal einen Blick auf die Leash, dann befestigt er sie sorgfältig am Fuß. Zweimal tief durchatmen. Mit einem Sprung ist er mit seinem Board in dem jetzt fast grauschwarzen Wasser auf dem Weg in die tosenden Brandung.
Mit kräftigen Paddelbewegungen hat er in kurzer Zeit den Strömungskanal erreicht, der ihn aus der schützenden Bucht raus bringen wird. Entlang sich auftürmender riesiger Giganten, die alles unter sich heransaugen, um es dann zu zermalmen, zieht es Marc immer weiter hinaus, hinter die Brechungszone. Erst einmal ausruhen. Aus der Nähe betrachtet, ist es ein fast hoffnungsloses Unterfangen, diese Kandidaten abreiten zu wollen, denkt er. Die Lippen dieser Wellen haben einen unglaublichen Durchmesser. Wer weiß wie viel Wasser sie mit sich im Leib tragen. Es sieht aus wie Metall, das sich auffächert, um dann schließlich vornüber zu kippen und sich zu verflüssigen. Die Gischt wie heißer Dampf. So starrt Marc eine Weile auf das Schauspiel, während er auf seinem Board sitzt.
In einem Set sind so ca. sieben – acht Wellen. Er schätz sie auf 18 – 20 Fuß.
Jetzt beginnt so langsam die mentale Vorbereitung auf sein Vorhaben. Er beobachtet die Abstände und Setpausen genau, drei brechen perfekt. Ja die hätte er nehmen können.
Die fünfte und sechste im Set scheinen die besten Wellen zu sein mutmaßt er und paddelt nun zielsicher in den Lineup. Jetzt hat er die Wellen direkt vor sich und kann den Abgrund spüren, der sich vor ihm auftut. Er dreht sich nun in einer Setpause Richtung Horizont, um das nächste Set zu erwarten. Tief durchatmen. Jetzt keine Angst, nur Konzentration.16. November 2005 um 20:36 Uhr #56953
trevira2000GastWas sich da allerdings vor ihm auftut, lässt ihn einen heißen Schwall Angst am Nacken spüren. Er entscheidet sich mit kräftigen Schaufelbewegungen der Welle entgegenzupaddeln. Sie baut sich verflixt viel zu früh auf, denkt Marc und seine Paddelzüge werden noch schneller, direkt auf das Desaster zu. Immer größer wächst der Berg vor ihm und der Horizont verschwindet hinter einer riesigen Wasserwand, die allmählich auch ihn ansaugt. Nicht aufhören zu paddeln, beschwört Marc sich selbst noch mal alles aus sich rausholend. Gerade so schafft er es über die Wand hinüber zu kommen, aber noch ist es nicht vorbei, der Sog der Welle ist sehr stark und er darf nicht nachlassen mit dem Paddeln. Kaum hat er die Hürde überwunden, sieht er auch schon die nächste Welle vor sich, noch ein Stück größer. Verbissen nimmt er alle Kräfte zusammen, für ein Ausweichen ist es längst zu spät, es gibt kein Zurück, entweder nehmen oder sowieso untergehen.
Entgeistert nimmt er wahr, wie sich plötzlich die Welle in einen Farbenrausch verwandelt, ausgelöst durch einen Riss im Himmel, der die Sonne einen Moment durchlässt.
Betörend schön, scheint die Welle im Scheinwerferlicht der Abendsonne, die das flüssige schwarze Metall in Rot und Lila einhüllt, Marc in die Arme nehmen zu wollen. Der lässt sich nur einen kurzen Augenblick ablenken, paddelt dann weiter die Welle hinauf, um ganz plötzlich das Board zu schwenken, sich gegen den Sog des nach oben strömenden Wassers dem Abgrund entgegen richtend. Für den Blick nach unten in das Wellental hat Marc jetzt keine Muße, ganz konzentriert arbeitet er mit allem was ihm an Paddelkraft zur Verfügung steht daran, die Welle zu erwischen.
Gleich würde die Welle sich über ihm zusammenfalten, jetzt oder nie. Über ihm vielleicht 8 Fuß Wasser unter ihm noch mal 10 Fuß. Mit einem lauten Schrei springt er auf sein Board und fällt, fällt mit dem Board einen Moment in die Tiefe, fängt sich, fährt die Face hinab. Er kann sich kaum halten, er spürt die unbändige Kraft unter ihm, die das Board und ihn auf und nieder schlägt. Eine Art Absatz in der Welle macht seiner Fahrt ein plötzliches für ihn unerwartetes Ende. Er strauchelt, kann das Board nicht mehr unter Kontrolle halten – fällt in die Dunkelheit.
Massen von Wasser pressen ihn zusammen, wirbeln ihn über das Riff, er lässt es mit sich geschehen, weiß nicht mehr wo oben und unten ist. Der Wasserdruck nimmt ab, das Gefühl von gleich platzenden Lungen dagegen zu. Er tastet nach der Leash am Fußgelenk, nur wenig Licht durchdringt das Wasser, das macht die Orientierung schwierig. Marc findet sie, will sich an ihr hochziehen, als er zwischen dunklen Felsen etwas Helles liegen sieht. Mit bebenden Herzen taucht er darauf zu. Es ist ein Mensch der dort zwischen den Felsen liegt. Das fahle Gesicht starrt ihn direkt an.18. November 2005 um 0:00 Uhr #56983
trevira2000GastVideobrief von Minouche an Malte
„Salut Malte, habe deine alte Camcorder rausgeholt! Macht immer noch fabelhafte Bilder das alte Teil.“
Minouche schaut grinsend in die Kamera, ihre kurzen strubbeligen Haare mit bunten Strähnchen verdecken die Stupsnase, die jetzt fast die Linse berührt. Dann streckt sie die Zunge raus und wird wütend, „ich bin entsetzt, du wolltest mir helfen die Hausarbeit zu schreiben!
Du hattest mir versprochen mir beim Streichen meiner Küche zu helfen und außerdem wolltest du morgen mit mir ins Kino gehen!
Stattdessen schleift mich jetzt dein Struppi durch halb Paris und versucht deine Spur aufzunehmen. Du scheinst ja überall deinen Geruch hinterlassen zu haben. Wenn ich allerdings entsetzt lese, dass du in Warschau bist können wir ihn ja lange an deinem alten Kapuzenpulli schnuppern lassen. Wann hast du den eigentlich das letzte Mal gewaschen? Der stinkt ja fies nach Katzenstreu und Hundefutter, eine bestialische Mischung, die mich sehr an den Geruch in deiner WG erinnert.
Scheiße, Moment mal, muss kurz deinen Hund mal vom Sofa runter schmeißen …… , so, bleib ja da unten du blödes Vieh. Überall diese Hundehaare, Ja, jetzt fang gar nicht an zu fiepen, ich kann auch nichts dazu, dass dein herzloses Herrchen dich vernachlässigt. Habe ich jemals gesagt, dass ich Hunde mag? Nein!“
Man sieht, wie sie den Hund durch die Gegend scheucht. Struppi versucht sich zur Kamera durch zu schlagen und schnuppert einmal kräftig an der Linse die sofort beschlägt.
„ Weg da, iiiiih, die Linse ist ja ganz verschmiert,“
Sie nimmt ein Taschentuch, spuckt drauf und wischt dann ein paar Mal über die Linse.
„So jetzt aber wieder zum Herrchen!“ Sie setzt sich einen Meter von der Kamera entfernt in ihren zierlichen orangenen Clubsessel. Ihre Beine hat sie übereinander geschlagen und der eine Fuß wippt im stetigen Rhythmus auf und ab. Ihr brauner Rock schwingt dabei immer leicht rauf und runter, sie hat ihren rosa Lieblingspulli an und hinter ihr sieht man, wie Struppi gefrustet in der leeren Hundeschlüssel schnuppert und dann mit seinen Knopfaugen versucht hypnotisch auf Minouche einzuwirken. Jetzt beginnt sie wieder mit ihrer Rede in die Kamera, während ihre linke Hand nervös am Ohrläppchen spielt, „du schreibst du hattest einen Unfall. Komisch, ohne Gedächtnisverlust, das wäre doch die gute Ausrede um sich gar nicht zu melden. Aber mal ehrlich, wahrscheinlich hast du wieder ordentlich einen getankt, da in Polen trinken sie ja immer heftigst viel Wodka habe ich gehört, na, da hast du ja die richtige Umgebung.
Glaub ja nicht, dass ich nicht erzählen werde wo du steckst. Deine WG Kumpels haben mir schon gedroht meine Bude zu stürmen, weil sie vermuten, dass du dich bei mir aufhältst. Sie sind stinksauer, nicht nur, dass du die Kohle hast mitgehen lassen, du hast auch noch Macels Surfboards zerschreddert, jedenfalls behauptet er das. Obwohl ich sagen muss, dass ich das nicht glauben kann, für so ein mieses Arschloch halte ich dich ja dann doch nicht.“ Sie ist jetzt lauter geworden und wirklich verärgert. Ihre Hände greifen in die Armlehnen, als müsste sie sich festhalten vor dem nun aufkommenden inneren Emotionssturm, „verdammt noch mal, ich bin super enttäuscht von dir! Warum hast du mir nicht gesagt, dass du dein Studium abrechen willst und wegfährst?
Ich versteh dich einfach nicht und Struppi sagt auch ständig Sachen die ich nicht verstehe! Oh neiiiin, jetzt hat er doch tatsächlich meinen Stoffteddy vom Sofa geklaut und ihn verschleppt, sag mal hast du das Vieh eigentlich irgendwann mal erzogen? Na der wird gleich Ärger bekommen, jetzt hat er sich auch noch unters Bett verkrochen.“ Sie blickt entsetzt hinter Struppi her, der sich gerade mit ihrem weißen Teddybär unter dem Bett verschanzt, nach dem seine Hypnoseversuche nicht gefruchtet haben. Dann wendet sie sich plötzlich wieder der Kamera zu, in den Augen ein großes AHA, „oder bist du vielleicht gar nicht in Polen? Du erzählst nur irgendeinen Scheiß? Wahrscheinlich hast du dich in eine andere verliebt und bist jetzt bei ihr? –
Übrigens hat Matt hier angerufen, er dachte du bist vielleicht bei mir. Er macht sich wohl Sorgen. Ich habe ihn gesagt, dass man sich um dich keine Sorgen machen muss, sondern eher um die, die mit ihm zu tun haben!“
Eine kurze Pause, sie blickt auf den Boden, dann langsam wieder in die Kamera, „ach Malte, ich werde mich jetzt einfach in einen ordentlichen Franzosen verlieben, dann hört dieser Ärger mit dir wenigstens auf.“ Schnell geht sie zur Kamera und schaltet sie aus.
Dann geht die Kamera wieder an, mit der Nase und dem Mund ganz dicht an der Linse spricht sie flüsternd, „wie konntest du nur vergessen dass ich eine Hundeallergie habe!“ Dann Schwärze.19. November 2005 um 18:30 Uhr #57003
trevira2000GastHamburg
„Matt!“ Schweiß gebadet wacht Marc auf. „Du hast geschrieen, was ist los?“ fragt Maike ängstlich, die auf den dunklen Schatten neben sich starrt. Marc setzt sich auf, schiebt die verschwitzte Decke zur Seite und schaut auf die rot leuchtenden Zahlen des Weckers, 4:23 Uhr.
„Schlecht geträumt, ich habe Kopfschmerzen, ich geh mal eine Runde um den Block. Frische Luft soll ja müde machen,“ völlig gerädert steht er auf. Maike schaut ihm nach, wie er schnell in seine Sachen schlüpft ohne ein weiteres Wort, und dann im dunklen Flur verschwindet.Alles erscheint Marc irgendwie verschwommen draußen auf der Straße. Erst einmal die klare kalte Luft tief einatmen. In Hamburg ist um die Zeit kaum etwas los, ab und zu kommt vielleicht mal ein Taxi vorbei. Die Straßenlaternen blenden und die Lichtreflexionen auf der noch regennassen Straße machen seine Bewegungen etwas unsicher. Er hört ein rumpeln hinter sich und sieht jemanden auf einem Skateboard auf ihn zukommen. Einen Moment denkt er, es ist Malte. Wie schön wäre das, ihn in Sicherheit zu wissen.
Um die Ecke hat noch eine Kneipe auf. Er geht rein und setzt sich zu den einsamen Nachschwärmern. Aus den alten Boxen scheppert Nana Mouskouri. Drei Männer an der Theke schauen ihn mit großen betrunkenen Augen an. „Ein Bier bitte,“ sagt Marc und beobachtet wie der Barkeeper, ein Mann mit schütterem grauen Haar und einem karierten Hemd, dass unten kaum noch den Bierbauch zusammenhalten kann, das Bier zapft. „Na, hat dich deine Olle verlassen?“ kommt eine heisere Stimme von der gegenüberliegenden Seite des Tresens. Dort hält sich krampfhaft eine Frau an ihrem Nachbarn fest, um nicht vom Hocker zu fallen. „Dich haben wir hier noch nie gesehen,“ sagt der Mann neben ihr und versucht den Blick auf Marc zu richten.
„Ist das hier ne geschlossen Veranstaltung?“ fragt Marc. „Ich bin total offen, min Jung, komm setzt dich zu mir,“ sagt die Frau wieder und winkt. Marc schaut sie angewidert an. Ihre Dauerwelle ist in sich zusammengefallen und das Make up auf der weißen Bluse verteilt, der Mund sieht seltsam verformt aus in dem schummrigen Kneipenlicht, der Lippenstift wurde wohl sehr großzügig aufgetragen.
Das Glas Bier kommt wie gerufen, und er trinkt es in einem Zug leer. Es schmeckt schal. Alle schauen ihn erwartungsvoll an.
Er legt dem Keeper das Geld hin. Nana Mouskouri bleibt hinter der Kneipentür zurück. Der bittere Geschmack des Bieres klebt aber weiterhin am Gaumen, auch als er längst wieder in seiner Wohnung ist. „Marc?“ hört er Maikes Stimme. „Ja, ich bin’s.“ Marc zieht sich im Dunkeln die verrauchten Sachen aus, legt die Schlüssel auf den Nachttisch. „Besser jetzt?“ fragt Maike und schaut besorgt auf die Umrisse von Marc, der sich nun wieder zu ihr ins warme Bett legt. „Komm her,“ sagt sie sanft und nimmt ihn in die Arme. Er ist eiskalt und riecht nach Bier.
Langsam entspannt sich Marc, die Wärme tut ihm gut. Er spürt den Atem von ihr an seinem Hals und ihre Haare kitzeln im Nacken. „Maike ich muss was tun, das Warten macht mich wahnsinnig,“ sagt er nach einer Weile ins Dunkle hinein. „Nach Montalivet?“ „Ja,“ seine Antwort kommt zögernd und leise, „ich habe Angst davor Maike.“ „Wenn du ihn siehst, wirst du bestimmt keine Angst mehr haben, ihr kennt euch so lange, er wird sich freuen, auch wenn er sagt, dass er dich nicht sehen will.“ Maikes Stimme wird immer bestimmter und ihre Arme umfassen ihn noch fester. „Ja, morgen werde ich meine Sachen hier regeln und dann fahre ich. Wenn ich nur wüsste, was mit Malte ist,“ sagt Marc jetzt mit klarer Stimme. „Um Malte kümmere ich mich, ich werde Handke kontaktieren und sobald ich etwas weiß, informiere ich dich.“ „Und was mache ich mit meinem Studio?“ erste Zweifel kommen bei Marc. „Das muss auch mal ohne dich gehen. Hast du nicht jemanden der dich dort gut vertreten kann, jemanden dem du vertraust?“ “Ja, du hast recht, aber vielleicht kannst du ja mal ab und an dort vorbeischauen?“ fragt Marc vorsichtig. „Ich? Fitnessstudio? Habe ja gar keine Ahnung worauf man da so achten muss, na die werden sich bedanken. Aber warum nicht,“ Maike lacht kurz auf und Marc muss auch grinsen als er daran denkt, was die für Augen machen werden, wenn Maike da hereinspaziert und schlaue Tipps gibt.20. November 2005 um 20:11 Uhr #57013
trevira2000GastHossegor
Die kalte Novemberluft die sich langsam auch im Süden Europas ausbreitet, macht sich bemerkbar. Marek, entspannt auf seinem Board sitzend, betrachtet eine Weile den leeren Strand. In den warmen Monaten ist diese Position hier im Lineup vergleichbar mit einer Bühne im Zirkus. Man schaut in das zahlreiche Publikum, die alle nur darauf warten, dass man einen ordentlichen Wipeout vorträgt oder besonders spektakuläre Manöver durchzieht. Jetzt ist es menschenleer, es sind allerdings auch nur kleine Wellen und nichts Spektakuläres ist zu erwarten.
Mit drei anderen Surfern teil er sich die vier Fuß Wellen, und Marek startet nun mit seinem Longboard erst einmal wieder eine an, um hier nicht fest zu frieren. Nach zwei Stunden setzt ihm jetzt doch die Kälte etwas zu und die Füße und Hände sind nicht mehr so ganz beweglich. Mit einem lässigen Takeoff gleitet er über das Wasser, schaut auf die grüne glatte Haut unter sich und nimmt im Augenwinkel wahr, dass Matt am Strand steht und ihm zusieht. Marek winkt ihm zu, hockt sich aufs Board und fährt den Rest der Welle bis ans Ufer auf den Knien.
„Salut Matt, ja was Spektakuläres konnte ich dir nicht bieten,“ ruft er ihm zu während er die Leash vom Fußgelenk löst und sein Board unter den Arm nimmt.
„Salut Marek, habe erst einmal gebraucht, bis ich dich erkannt habe, mit der Vollmontur sehen alle Surfer gleich aus,“ antwortet Matt und geht auf ihn zu. Er hat eine schwarze dicke Jacke an und die Mütze tief ins Gesicht gezogen, seine schwarzen lockigen Haare quellen an den Seiten aus der Mütze hervor und machen sein Gesicht immer noch sehr jugendlich. Marek klopft ihm mit der freien Hand auf die Schulter und hinterlässt mit seinem Neopren Handschuh eine nasse Spur auf der Jacke, „gehen wir was frühstücken?“
„Eine gute Idee,“ antwortet Matt und sie gehen nebeneinander Richtung VW Bus. „Bin jetzt auch ziemlich durchgefroren, habe gehofft, die Wellen werden noch ein wenig höher mit einsetzender Flut, aber naja, hatte meinen Spaß,“ sagt Marek. „Schön dass es jetzt wieder ruhiger ist hier. Habe das Gefühl, im Sommer wird es jedes Jahr voller hier,“ meint Matt und genießt den weiten Blick über den großen Strand. „Weiß nicht, ich sehe ja immer zu, dass ich im Sommer gar nicht hier bin, bisher hat das ja gut geklappt.“
Sie sind beim Bus und Matt hilft Marek beim Verstauen des Boards auf dem Autodach. Mit schnellen geübten Bewegungen ist Marek raus aus der Gummihülle und trocknet sich bibbernd ab, „Booah, ist das kalt heute, nicht schön, und die Sonne lässt sich auch nicht wirklich blicken, man könnte meinen es ist November,“ jammert er und hastig zieht er die Jeans und einen dicken dunkelblauen Pulli an.
Matt kann sich nicht erinnern, ob Marek schon irgendwann mal nicht diesen Pulli im Winter getragen hat, naja denkt er, hat halt auch nicht viel Geld und lieber reisen und surfen als viele Pullis im Schrank, sich langweilen und nur schuften.
„Was schaust du mich so skeptisch an, du guckst schon wie Madeleine, wenn ich diesen Pulli anziehe, das ist halt mein Lieblingspulli,“ sagt Marek. Seine Haare hängen ihm nass ins Gesicht und Wassertropfen kitzeln auf den Wangen. Er streicht die Strähne zur Seite, dabei schaut er Matt grinsend und etwas unsicher an. „So lange du nicht jeden Tag die gleiche Unterhose anziehst,“ antwortet Matt lachend, „sorry, dass ich so geguckt habe, aber irgendwie habe ich dich noch nie in einem anderen Pulli gesehen, das ist mir gerade aufgefallen.“ Marek schaut an sich runter, „hmm, mach mir halt nicht so viel aus Klamotten, ist das jetzt schlimm oder wie?“ „Quatsch, komm lass uns frühstücken du hast ganz lila Lippen,“ Matt klopft Marek ermutigend auf die Schulter und dann gehen sie gemeinsam ins Cafe´.21. November 2005 um 19:51 Uhr #57047
trevira2000GastIrgendwo in Polen
Fluchend weicht Tomasz den riesigen Schlaglöchern aus und gerät dabei mit dem Wagen fast ins Schleudern. „Aua!“ Malte wacht auf, als sein Kopf gegen das Seitenfenster prallt. „Sorry, aber immer noch besser als Achsenbruch,“ entschuldigt sich Tomasz, hoch konzentriert nach vorne auf die ramponierte Straße blickend. Malte schaut auf die dunkle Landstraße. Ab und zu taucht mal ein Licht in der Ferne auf. Vielleicht ein Haus, zwischen Rüben- oder Weißkohlfeldern? Am Himmel dunkle Wolken mit Silberrand, der Vollmond scheint auch hier im Osten. Malte schließt wieder die Augen. Versucht sich Frankreich vorzustellen, Pinienwälder, den Duft von Harz, sieht sich im Auto, die kleine Straße Richtung Meer, hört den lauten Sound des Dieselmotors, neben sich das Lachen von Minouche, die gerade dabei ist ihren Bikini auszuziehen, hinten André, dessen Kette sich beim Knutschen irgendwie in den Haaren von Luise verfangen hat und beide nun kreischend auf der Rückbank herumwälzen, „Malte……!“ „Malte, aufwachen!“ „Was?“ Malte schreckt hoch, sieht noch das Gesicht von Minouche neben sich. „Ich muss mal pinkeln,“ sagt Tomasz und hält am Waldrand. Malte bleibt sitzen, starrt auf die beleuchteten riesigen Baumstämme Tomasz hinterher. Ein kleines Tier huscht dort über das Laub. Er reibt sich über die Augen, alles fühlt sich steif an, wahrscheinlich ist er beim schlafen immer nach vorne genickt. Er steigt auch aus. Leere Flaschen fallen aus dem Wagen auf den Erdboden. Hatte er so viel Bier getrunken? Er kann sich gar nicht so recht erinnern. Erst mal die Blase leeren. Feiner kalter Nieselregen benetzt sein Gesicht. Er stapft über weiches Moos, versucht das Heimwehgefühl von sich abzuschütteln. Kann sich nicht für den richtigen Ort zum pinkeln entscheiden. Endlich findet er den perfekten Baum, nicht ganz im Rampenlicht und trotzdem nicht so weit vom Auto entfernt, um von irgendeinem sibirischen Bären unerwartet angefallen zu werden. „Hey Malte, alles in Ordnung?“ Tomasz taucht neben ihm auf, „stehst da schon bestimmt fünf Minuten, da kommt glaube ich nix mehr, kannst den kleinen wieder einpacken,“ meint er dann noch grinsend und geht wieder zum Auto. Malte geht langsam hinter ihm her, „wo fahren wir noch mal hin?“ „Zu Oma Lubka.“ „Besuchst du deine Oma immer mitten in der Nacht?“ „Diese Oma ja,“ antwortet Tomasz und lacht.
„Ist es noch weit?“ „Nein, in ein paar Minuten sind wir da. Man man man, du machst aber einen echt schlappen Eindruck, meinst du, du kriegst das hin?“ „Klar, so nächtliche Aktionen sind mein Spezialgebiet.“ „Wenn dir die Sache zu heiß ist, bleibst du einfach im Wagen ja? Sagen tust du am besten gar nichts,“ mit diesen Worten startet Tomasz wieder den Wagen und die beiden fahren weiter Richtung russische Grenze.22. November 2005 um 19:32 Uhr #57117
trevira2000GastParis
„Über einer Autowerkstatt! Na da hat er sich ja ein idyllisches Plätzchen ausgesucht,“ meint Handke als sie in der Rue Manin vor der Nummer 43 halten. Furby wacht aus seinem Dämmerschlaf auf und schaut noch etwa tranig aus dem Seitenfenster. Eine typische enge Straße in Paris, voll geparkt mit Autos. Zwischen zwei großen Miethäusern steht diese Peugeot Werkstatt, eindeutig Nummer 43. Darüber ist tatsächlich auch eine Wohnung. „Bin gespannt wer da so alles wohnt,“ meint Furby und steigt neugierig aus dem Wagen. Endlich raus aus dieser Kiste, denkt er erleichtert. Der Geruch des Rasierwassers hat sich inzwischen in alle seine Poren verteilt und für eine permanente Übelkeit gesorgt. „Wie nehmen die Kamera mit, sie nehmen das Diktiergerät,“ fachmännisch verteilt Handke Notizzettel, Digitalkamera,Kugelschreiber und Handy in seinen Jacken- und Hosentaschen. Furby überreicht er das Diktiergerät.
Der findet die Sache etwas peinlich, „können wir da nicht ganz normal rein gehen?“ fragt er unmutig und stapft hinter Handke her, der schon zielstrebig zur Haustür unterwegs ist. „Das Diktiergerät machen sie an, wenn ich denen Fragen stelle, okay? Am besten so, dass die es nicht mitbekommen,“ sagt Handke, während er auf die Klingel schaut und sie dann einmal kräftig runter drückt.
Nichts passiert. „Wohl keiner da,“ sagt Furby und schaut nach oben zu den Fenstern, in dem Moment sieht er einen Schatten hinter der Scheibe, der schnell wieder verschwindet. „Doch jemand da, klingele noch mal,“ sagt Furby entschlossen, jetzt auch vom detektivischen Eifer seines Kollegen angesteckt.
Da ertönt der Summer aber schon und beide gehen das dunkle Treppenhaus nach oben. Der Kompressor aus der Werkstatt unter ihnen lässt das Geländer vibrieren und den Müllsack vor der Wohnungstür wie von Geiserhand durch den Flur hüpfen. „Mein Gott, und ich dachte immer nur meine Waschmaschine schafft so was,“ sagt Furby in dem Moment, als die Wohnungstür aufgeht und ein verschlafenes, etwas verknittertes Gesicht durch den Türspalt schaut. „Wir kaufen nichts, lass dir nicht wieder irgendeinen Scheiß andrehen, sag denen das!“ kommt eine raue Stimme in einem Französisch mit hartem Akzent von Hinten aus dem Off. „Ähhm, ja?“ sagt das verknitterte Gesicht und schaut verstört auf den schlaksigen Handke der jetzt sehr bestimmt die Tür ganz aufreißt und schon mal den rechten Fuß auf der Türschwelle platziert. Der Junge vor ihnen ist mindestens drei Köpfe kleiner als Handke und sinkt jetzt noch mehr in sich zusammen. Furby hat aber schon die seltsame Gestalt dahinter im Visier, die einen ganz anderen Eindruck hinterlässt. Kräftig gebaut, dunkle kurze Haare, ein grimmiges braun gebranntes Gesicht, wahrscheinlich ein Algerier oder Marokkaner, nackter muskulöser Oberkörper und um die Hüfte ein Handtuch geschwungen, sieht er aus, als hätte man nicht viel zu spaßen, wenn man sich mit ihm anlegt. Aber keine Vorurteile, denkt Furby, wahrscheinlich ist das ein ganz netter Kerl. „Bonjour, ich bin Handke und das ist mein Kollege Stefan, auch Furby genannt. Hier ist unsere Karte, wir haben ein paar Fragen an sie, können wir reinkommen?“ Kaum hat er die Frage im besten Schulfranzösisch gestellt ist er auch schon drinnen im schmalen Flur, der jetzt kaum noch Platz fasst für Furby. Der drängelt sich an dem Kleinen verknitterten vorbei und steht mit einem Bein auch schon im Badezimmer, das gleich rechts anschließt. „Hey, haben wir gesagt, dass sie reinkommen dürfen?“ empört sich jetzt der Kräftige und stellt sich vor Handke in Position auf. Der Kleine neben Furby schaut unsicher in alle Richtungen, als würde er einen Fluchtweg suchen. Allerdings würde ich nicht so auf die Straße gehen, denkt Furby, als er sich kritisch den verschlissenen Bademantel des Kleinen ansieht, den der sich wohl nur hastig übergeworfen hatte und jetzt die blassen Beine hervorluken ließ. Die Haare standen ihm im wahrsten Sinne zu Berge, das haben Rasterhaare ja manchmal so an sich, dass sie eine gewisse Standfestigkeit erreichen. Furby wurde aber schnell wieder aus seinen kritischen Betrachtungen herausgerissen als Handke beruhigend auf den Kräftigen Kerl einredete, „keine Sorge, wenn sie kooperativ sind, sind wir bald wieder verschwunden, wir kommen im Auftrag von Maltes Neumanns Vater. Hier wohnt doch ein Malte Neumann?“ „Wieso wollen Sie das wissen? Sie sind schon der Zweite.“ „Der Zweite? Wer war vor uns da,“ mit strengem Verhörblick rückt Handke dem Kräftigen immer mehr auf die Pelle. Der wiederum weicht stetig in Richtung Küche aus. „Eine Frau, hey, drängeln sie mich nicht so ab, jetzt machen Sie mal halblang, sie haben gar kein Recht mich so zu behandeln,“ wehrt sich der Kräftige nun mit lauter Stimme und versucht im Flur wieder Boden zu gewinnen. Handke nimmt sich etwas zurück, lenkt ein,
“Entschuldigung, ich wollte sie nicht beunruhigen, uns geht es um das Wohl des jungen Malte, können wir uns einen Moment in die Küche setzen?“ fragt er milde gestimmt. Der Kräftige schaut ihn skeptisch an. „Wohl des Jungen? Der kann froh sein, dass ich ihn noch nicht erwischt habe, dann würde ich ihn versohlen,“ antwortet der Kräftige jetzt missgestimmt, geht aber in die Küche und nickt Handke und Furby zu, ihm nach zu kommen.23. November 2005 um 17:32 Uhr #57179
trevira2000GastE-mail von Svenja an Till auf Terschelling
Lieber Till,
hier spricht deine untreue Tomate Svenja. Ich kann mal wieder nur absagen, das Wochenende werde ich nicht kommen, ich fliege nach Hamburg. Malte ist verschwunden. Maike ist sehr beunruhigt. Es muss was passiert sein. Er wollte wohl eigentlich nach Hamburg, da ist er aber nie angekommen. Natürlich ist die ganze Sache noch viel komplizierter. Aber davon dann lieber telefonisch mehr, wenn ich in Hamburg bin. Habe das alles auch noch nicht durchschaut. Jetzt bin ich auf dem Flughafen in Paris. Hatte mir das nach meinem Urlaub anders vorgestellt, wollte Malte ja nur kurz hier in Paris besuchen und dann weiter mit dem Flieger nach Amsterdam. Meine Proben beginnen nächste Woche, da muss ich spätestens wieder in Amsterdam sein.
Ach, übrigens der Urlaub war phantastisch, erst Brasilien und dann noch fünf Tage Karibik. Habe endlich mal das „Surfcity“ der Brasilianer kennen gelernt, unten im Süden, unterhalb von Rio. Eine ganz besondere Atmosphäre im Wasser. Als Frau wirst du natürlich ständig angebaggert ob im Wasser oder draußen, ab und zu habe ich schon überlegt ob ich mit Schleier ins Wasser gehe 😉 . Für dich habe ich übrigens ein schönes Board geordert, du tust auch noch was gutes, dein Board wurde in den Favelas geshaped. Mir habe ich auch eins bestellt, ein 6´4er, für Nordseewellen wird die Planke auf jeden Fall nicht geeignet sein, davon kann ich schon ausgehen. Für unsere Bedingungen fehlt den Shapern dort jegliches Vorstellungsvermögen. Die würden da nie rein gehen in die „ kalte Plörre“. Hätte fast noch mein gesamtes Urlaubsgeld für Surfboards ausgegeben, einfach um denen dort etwas Gutes zu tun.
So, jetzt wird mein Flug aufgerufen. Auf nach Hamburg! Ich melde mich dann telefonisch bei dir!
Ach, jetzt habe ich überhaupt nicht einmal gefragt wie es dir geht, bitte verzeih, bis später!
Lieben Gruß,
Svenja25. November 2005 um 0:50 Uhr #57345
trevira2000GastAn der Grenze
Wir schauen mal wieder was Malte so treibt, diesmal an der Grenze nach Russland. Kaum zu sehen im dichten Nebel.
„Man, verdammt kalt,“ stöhnt Malte und starrt auf die Nebelwolken vor sich. Es dämmert bereits und um Tomasz und Malte herum ist alles nur Wolke. Der Transporter steht direkt hinter ihnen und ist doch kaum noch zu sehen. Tomasz raucht ruhig eine Zigarette und starrt nach vorne ins weiße Nichts. Malte betrachtet ihn bewundernd, Tomasz hat gerade mal einen Pulli an, eine dünne schwarze Jacke drüber und eine Jeans an, keine Mütze, keine Handschuhe. Trotzdem scheint er nicht zu frieren. Ihm selber geht es da ganz anders. Seitdem er in Polen ist besteht die Zeit eigentlich aus frieren, auf die Dauer wirklich unangenehm. Malte bewegt sich ein wenig hin und her, allerdings nur so im 2 Meter Abstand von Tomasz. Hier möchte er sich wahrlich nicht verlaufen. Wie konnte er sich überhaupt auf so etwa beklopptes einlassen? Gut dass er den Mantel von Mateusz bekommen hatte, ein echt netter Kerl. Bei Tomasz ist sich Malte nicht so sicher. Schon irgendwie cool der Typ, so gelassen und trotzdem total straight. Was der hier allerdings vorhat durchschaut Malte noch nicht so richtig, aber er traut sich auch nicht zu fragen.
Plötzlich hören sie nahende Schritte auf Kies. Es scheinen sich mehrere Leute zu nähern. Tomasz drückt die Zigarette auf dem Boden aus und schaut nun angespannt nach vorne, „Du sagst nichts Malte, ist das klar?“ „Ja alles klar,“ antwortet Malte leise. Jetzt sind dunkle Schemen erkennbar. Die sich nähernden finsteren Gestalten bekommen so langsam Konturen. Zwei Männer, der eine mit einer billigen Lederjacke bekleidet und einer schwarzen Stoffhose, der andere hat ein kariertes Wollhemd an und sieht ein bisschen wie ein kanadischer Holzfäller aus mit seinem Rauschebart, eindeutig der sympathischere von den beiden, denkt Malte aufgeregt. Tomasz geht jetzt auf die beiden zu und spricht sie russisch an „Strawstwytche, kak dela? …“ das ist auch alles was Malte verstehen kann. Der mit der Lederjacke antwortet in einem schnellen Russisch und beide küssen sich auf die Wangen. Der Mann mit dem Rauschebart beobachtet derweil Malte kritisch von oben bis unten. Der nickt dem Holzfäller zu und versucht dabei entspannt zu wirken. Dann setzen sie sich in Bewegung. Der Russe mit der Lederjacke vorweg, dann Tomasz, dann Malte und das Schlusslicht bildet der Rauschebart. Malte hört hinter sich im Nacken das pfeifende Keuchen des Russen. Sonst kann man nur die Schritte auf dem Kiesboden hören. Sie gehen eine Weile durch den weißen Nebel. Malte hat inzwischen schon die Orientierung verloren und kann nicht mehr sagen wo der Transporter steht. Endlich erscheint aus dem bodenlosen Nichts ein Haus. Es ist beheizt stellt Malte erleichtert fest. Aus dem Schornstein kommt nämlich auf jeden Fall reichlich schwarzer Rauch, den er nun auch gut riechen kann. So tief wie der Nebel liegt, steigt der Rauch kaum auf, sondern verteilt sich um sie herum und verpestet die Luft. Sie gehen ins Haus. Es riecht feucht und moderig. Im Flur leuchtet eine kahle Birne an der Holzdecke. Die Holzdielen knarren. Der Mann mit der Lederjacke bittet sie in einen großen Raum der von dem schmalen Flur links abgeht. Hier ist eine klassische Wohnzimmergarnitur aufgestellt und aus einem großen Dauerbrandofen leuchten Briketts. Wirklich behaglich wirkt der Raum trotzdem nicht, der Wohnzimmerschrank ist leer, am Fenster hängt eine vergilbte lieblos herunterhängende Gardine, keine Pflanzen. Immerhin ein alter Perserteppich auf dem Boden mit einem großen fetten schlafenden Hund drauf, der sich noch nicht einmal die Mühe macht die Augen zu öffnen, als Tomasz aus Versehen mit seinem Fuß gegen ihn stößt. Malte bekommt das allerdings kaum mit. Er starrt fasziniert auf ein riesiges altes Gemälde, das über dem schwarzen Ledersofa hängt. Oh Gott, denkt er, dass sieht nach einem holländischen Maler der Renaissance aus.
Wie groß mag das sein? 2m mal 5m? Ob das wohl ein Original ist, fragt er sich? Während die anderen sich setzen und ins reden kommen, kann er sich nicht von dem Gemälde trennen. Eine Alltagsszene, wunderschön dargestellt, eine Küchenmagd beim Zubereiten eines Festmahls. Und wie hier mit Licht und Schatten gearbeitet wurde! „Malte?“ hört er da Tomasz und erschrocken blickt er in seine Richtung. Alle schauen ihn erwartungsvoll an. Er lächelt nur zurück und setzt sich in den einzigen noch freien Sessel. Plötzlich öffnet sich die Tür zum Flur und eine attraktive schlanke Frau mittleren Alters betritt mit einem Tablett den Raum. „Cbaciba,“ sagt der Mann mit dem Rauschebart, kneift der Frau in den Hintern, und nimmt ihr dann mit einem lauten gröhligen Lachen das Tablett mit den Gläsern und der Wodkaflasche ab. Die Frau würdigt ihn nicht mal eines Blickes, starrt dafür aber mit viel Interesse auf Tomasz, der sie wiederum aber gar nicht wahrnimmt sondern ganz konzentriert auf einige Papiere schaut, die ihm der Mann mit der Lederjacke überreicht hat.
„Wodka?“ fragt der Rauschebart Malte und reicht ihm ein bis oben hin gefülltes Glas. Malte nimmt es dankbar an, ein bisschen innere Wärme kann nicht schaden und mit einem Wodkagefühl ließ sich vielleicht dieses unheimliche Situation auch besser ertragen.27. November 2005 um 1:57 Uhr #57591
trevira2000GastMontalivet
Es ist nach 1 Uhr als Marc in Montalivet eintrifft. Die beiden Mitfahrerinnen hatte er in Bordeaux abgesetzt und die letzte halbe Stunde musste er sich allein unterhalten. Die beiden Mädels hatten ihn ganz gut auf Trapp gehalten auf der Fahrt, eine faselte immer was von Marlon Lipke und Fanclub und die andere erzählte von ihren abenteuerlichen Reisen in Südafrika, das war dann schon spannender. Außerdem waren die Mädels furchtbar neugierig und nutzten jede Gelegenheit, um seine Ausweise durch zu sehen, sein Handschuhfach auszukundschaften und ihn auszufragen. Auch seine Altersangabe hielt die beiden nicht ab und naja, ein bisschen schmeichelt es ja immer noch, wenn junge Mädels einen in die Jahre gekommenen Surfer attraktiv finden.
Totmüde fährt er um den letzten Kreisel bevor er bei Zuzette und Matt eintreffen wird.
Ein trauriges Gefühl steigt in ihm hoch, wie oft war er hier schon lang gefahren und immer hatte er sich gefreut. Jetzt war alles anders. Sein Magen fühlte sich an wie Stein, seit Tagen konnte er nicht mehr richtig essen und der viele Kaffee hat ihm den Rest gegeben. Bevor er in die kleine Straße zum Häuschen abfährt, macht er doch noch einen Schlenker zum Strand. Er stellt den Wagen ab. Seine Ohren klingen nach vom Motorenlärm, aber kaum ist er an der Promenade, wird das Geräusch vom Meeresrauschen und dem kräftigen Wind übertönt. Er zieht die dicke Jacke über, der kalte Wind pfeift durch die Kleidung. Eine Steintreppe führt zum Strand hinunter. Schön, wieder die Atlantikluft einzuatmen, denkt er. Gierig nimmt Marc einige kräftige Atemzüge.
Dass er die Boards mitgenommen hat, dafür ist er jetzt sehr dankbar. Die ihm bekannte freudige Erwartung auf einen Surf macht sich bemerkbar. Ja, morgen, dass muss sein, da würde er als erstes die Wellen checken. Sofort lässt die Müdigkeit ein wenig nach und voller Tatendrang geht er zurück zum Wagen.
Kurze Zeit später schon steht er vor der Haustür von Zuzette und Matt. Chou Chou kommt ihm neugierig um die Ecke entgegen. „Na, alter Haudegen, treibst du dich draußen wieder rum?“ Chou Chou streicht um seine Beine und ist mit einem Sprung wieder im Dunklen verschwunden, als im Flur das Licht an geht und Zuzette die Tür öffnet. „Hallo Zuzette,“ sagt Marc zaghaft, fast schüchtern. Die zierliche Zuzette löst bei ihm immer Unsicherheit aus. „Hallo Marc, komm rein!“ Sie umarmt ihn herzlich und küsst ihn auf die Wangen. Er bringt Kälte mit hinein und schnell schließt sie die Tür hinter ihm. Marc schaut auf die kleine Person vor sich, sie hat sich kaum verändert, ja vielleicht ein paar kleine Fältchen mehr um die Augen, aber insgesamt noch immer dieses zarte feine Gesicht mit den lebendigen braunen Augen die ihn herzlich anschauen. Ihre schwarzen Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden. Einige graue Strähnen sind zu sehen. Sie trägt einen weichen rosa Angorapullover und eine schwarze weiche Hose dazu. Schmal ist sie, denkt er und sie hat dunkle Ringe unter den Augen. „Du siehst müde aus,“ sagt sie, „komm ins Wohnzimmer, und wärm dich erst einmal am Kamin auf. Hast du Hunger? Soll ich dir noch was machen?“ Er zieht seine Jacke aus und seine Schuhe. „Nein brauchst du nicht, wo ist Matt?“ fragt er gespannt und setzt sich auf das bequeme Sofa vor den Kamin. Sie setzt sich neben ihn, „der ist heute in Hossegor und trifft Marek, die machen sich einen schönen Abend hoffe ich.“ „Wie geht es Matt denn?“ fragt er etwas zögerlich, der Krampf im Magen wird wieder stärker. Sie schaut ihn an und sagt nach einer Weile, “dafür dass er diese Nachricht erhalten hat, sehr tapfer, viel zu tapfer. Jedenfalls mir gegenüber. Am Montag geht er ins Krankenhaus.“ „Was ist es denn nun für ein Krebs?“ das Wort lässt sich nur schwer aussprechen, denkt Marc als er die Frage stellt. „Lungenkrebs, aber operabel und das ist das entscheidende, er hat, so sagen es die Ärzte gute Chancen,“ Zuzette hat Tränen in den Augen und Marc nimmt sie in seine Arme. Sie kann die Tränen nicht mehr an sich halten und auch Marc schnürt es die Kehle zu. Beide weinen eine zeitlang ohne etwas zu sagen. „Entschuldige, dass ist eine Begrüßung, ich bin eine Heulsuse und habe dich noch angesteckt,“ sagt Zuzette dann, löst sich ein wenig aus seinen Armen und schaut ihn mit einem gequälten Lächeln an. Er wischt die Tränen aus ihrem Gesicht, „gut dass uns Matt so nicht sieht,“ sagt er und nimmt sie dann wieder fest in seine Arme und beide sagen nichts mehr. Er schaut in die Flammen im Kamin, die langsam immer kleiner werden und sie schläft nach einer Weile erschöpft in seinen Armen ein.29. November 2005 um 23:17 Uhr #57763
trevira2000GastParis
„Ich weiß nicht recht, wie ich Maltes Zimmer beschreiben soll. Jeder Raum, den ich von nun an betrete, wird mich an jenes Zimmer erinnern.
Das Leben dort schien sich unter Wasser abzuspielen,“ so beginnt Minouche ihre Beschreibungen zu Malte´s Zimmer.
„Wie meinst du das?“ fragt Handke. Furby und er schauen sie erwartungsvoll an.
Nachdem sie die WG von Malte verlassen hatten sind sie nun bei Minouche, um weitere Informationen über den Vermissten heraus zu bekommen.
„Naja, es war so hermetisch. Es war wie eine fremde Welt, in die ich eigentlich keinen Einlass fand.“
„Die Fenster waren zugeklebt und an den Wänden Karten mit Wörtern besprüht, überall verstreut Zettel, Notizen, Fachbücher …., als würde er etwas suchen,“ bestätigt Furby ihren Eindruck.
„Ja, etwas suchen, nur was? Seine Kleidung hat er in Koffern aufbewahrt, als würde er gleich wieder fort reisen. Die Fenster hat er zugeklebt, weil er die gegenüberliegende Fassade nicht ertragen hat, das hat er mir jedenfalls so gesagt. Wir haben gelebt, als wäre er auf einer Fahndungsliste. Auf der einen
Seite hatte man das Gefühl er will Geborgenheit, so war er immer gerne bei mir und genoss es dumme Serien zu schauen oder in meinen Magazinen zu blättern und darüber zu lästern. Aber sobald er in seinem Zimmer war, war er ein Fremder. Er war dann wie ein Fisch, der unter einem Felsen hockt, ganz still und bewegungslos und plötzlich begann er los zu legen, stürzte sich auf ein Buch, holte seine Pinsel raus oder seine Kamera. Und doch hatte ich das Gefühl, ich kann ihn dort nicht alleine lassen in dem Zimmer.“
„Was könnte der Grund sein für sein seltsames Verhalten?“ fragt Handke weiter.
„Ich weiß nicht so recht, habe mich auch gefragt was er von mir will, so einer spießigen 19 jährigen Tussi, ich habe mich auch gefragt, was ich von ihm will. Haben sie mal eine Zigarette?“ Furby reicht ihr seine Schachtel und Handke schaut ihn missbilligend an.
Sie zieht einmal kräftig und genießerisch an der Zigarette und schaut dann nachdenklich auf Struppi, der gerade einen Knochen abkaut, „ich kann es nicht sagen, vielleicht lag es an dem Studium, er hat sich mit vielen schrägen Sachen beschäftigt und auch seltsame Bekanntschaften geschlossen.“
„Seine Mitbewohner wussten ja so gut wie nichts über ihn,“ meint Furby und streichelt dabei Struppi über das weiche weiße Fell.
„Naja, das war eine Zweck-WG. Billige Wohnung. Und ich glaube Malte wollte auch diese Anonymität.“
„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“ „Am Tag als er verschwand war er morgens noch bei mir, aber ich habe inzwischen noch eine e-mail von ihm bekommen, so wie es ausschaut ist er im Osten,“ antwortet Minouche etwas zögerlich, nicht ganz sicher ob sie noch mehr erzählen soll.
Handke richtet sich aus seinem Clubsessel auf, in dem er mit seinen schlaksigen Beinen sehr deplaziert wirkt, „ja, und wo im Osten?“
Minouche überlegt einen Moment, dann leuchten ihre Augen plötzlich auf, „ich sage es euch nur, wenn ihr Struppi mit nehmt!“
Furby nickt gleich, „klar nehmen wir den kleinen mit, nicht wahr Struppi? Kleines Schnuckel, du kommst mit!“ er schaut Struppi dabei fragend an, der ihn wiederum auch mit schrägem Kopf anschaut als würde er die Worte verstehen. Furby streicht ihm liebevoll über den kleinen Specknacken. Handke verdreht genervt die Augen, „ die Hundehaare gehen ja nie wieder aus den Polstern raus.“
„Man muss auch Opfer bringen!“ meint Furby, jetzt in Aufregung über das sich wendende Blatt in der Geschichte.
„Also raus mit der Sprache Minouche,“ Handkes Worte dulden keinen Widerspruch. „Ich glaube es war Warschau, moment ich schaue noch mal kurz in die E-Mail,“ sie setzt sich an den Rechner und schaut ihre E-Mails durch, „ja Warschau!“ „Und weiter?“ fragt Handke ungeduldig. „Ja nichts weiter,“ antwortet Minouche und wendet sich desinteressiert in ihrem Schreibtischstuhl wieder dem Rechner zu, für sie ist das Gespräch damit beendet.
„Du musst uns noch einen Gefallen tun Minouche,“ meint Furby dann und dreht den Schreibtischstuhl in seine Richtung und schaut ihr eindringlich in die großen Kajal umrahmten Augen. „Ja?“ fragt sie gelangweilt. „Wenn er sich bei dir wieder meldet, dann frag ihn aus, wo er steckt, hier ist meine Handynummer, dann sagst du mir Bescheid!“ er reicht ihr seine Visitenkarte. Sie nimmt sie und legt sie auf einen Stapel von Briefen und Zetteln. „Aber nicht vergessen! Wir sind sonst umsonst los gefahren! Wir brauchen deine Hilfe,“ appelliert Furby noch mal an ihr Gewissen. „Jaja ist ja gut, und vergesst nicht, den Hund mit zu nehmen,“ antwortet sie betont genervt, „der meldet sich sowieso nicht mehr, ich habe sozusagen Schluss mit ihm gemacht.“
Furby nimmt die Hundeleine und Struppi weiß gleich, dass es losgeht. „Auf nach Polen Struppi!“ Struppi schnappt nach der Leine und bellt einmal freudig.
Handke ist schon im Treppenhaus und die beiden Helden stürmen schnell hinterher. Zurück bleibt Minouche auf ihrem Schreibtischstuhl, vor dem Rechner und mit einem Foto von Malte in der Hand.1. Dezember 2005 um 23:24 Uhr #57834
trevira2000GastLieber Dad,
bevor du auf die Idee kommst, die Polizei einzuschalten, teile ich dir doch lieber meinen Unterschlupf mit, und so wie ich Minouche einschätze, wird sie sowieso nicht die Klappe halten.
Vorab aber erst einmal, ich werde mich für nichts entschuldigen!
Wenn dann nur bei Matt, aber alles was ich tue ist meine Sache und mein Recht. Ja, du wirst damit kommen, dass ich noch nicht volljährig bin, aber lass mal stecken, ist ja nicht mehr lange hin!!!! Noch ein paar Tage!
Die werde ich bei Mütterchen Russland verbringen und mit meinen neuen Tawarischis ne Menge Wodka verdrücken.
Aber nun zu meinem derzeitigen Aufenthaltsort.
Keine Sorge, ich bin in der zivilisierten Welt! Wenn das hier auch alles nach etwas anderen Gesetzen abläuft.
Habe heute abend endlich ein Internetcafe aufgetrieben. Neben mir sitzt Tomasz, er nickt gerade ein. Wir sind hundemüde. Haben eine harte Nacht und einen noch härteren Tag in einer seltsamen Datscha hinter uns.
Wenn ich aus dem Fenster schaue sehe ich Russland. Naja, was man da so sieht, wenn es dunkel ist. Könnte auch vielleicht Paris sein oder Bleckede, wenn da nicht diese Neonröhre an der Decke wäre und das Foto von Jelzin neben der guten, aber voll verstrahlten alten Maria hängen würde, die ist nämlich extrem fett illuminiert mit bunten Glühbirnchen, und an jedem Computer hängt ein orthodoxer Fetisch. Hmm, bei mir eine Hand aus Messing mit einem Auge drauf.
Soll ich noch was zu mir sagen? Das wird dich erschrecken. Vor allem mein zershreddertes Outfit! Oma wäre empört, das T-Shirt ist glaube ich endgültig hin, das kriegt auch Persil nicht mehr sauber. Aber macht euch keine Sorgen. Ich kriege das schon irgendwie hin. Ich meine, das T-Shirt wohl nicht mehr, aber ansonsten bin ich wohlauf. Naja, mal abgesehen davon, dass immer so verschorftes Zeug aus der Nase kommt, meinst du das hat was zu bedeuten?
Aber mal wieder zur Umgebung hier, die Tapete ist der absolute Hammer. Eigentlich müsste man vorher draußen an der Tür, Epileptiker vorm Eintreten warnen. Die grünroten Muster springen einem förmlich entgegen.
Trinke gerade, nicht wie du wahrscheinlich vermutest Wodka, sondern einen dicken sehr süßen Tee, habe ich von der reizenden Besitzerin des Ladens zubereitet bekommen. Wärmt mich hoffentlich wieder ein bisschen auf. Die Dame des Hauses quetscht sich gerade auf einen alten Drehstuhl vor einen genauso alten Eichenschreibtisch. Sie sagt, der stammt noch aus ostpreußischer Vergangenheit. Sie selbst ist aber Russin und auch nicht so alt, wie sie eigentlich aussieht.
Wenn ich raus schaue sehe ich Schnee, russischen Schnee, macht aber auch keinen Unterschied, nur dass es hier selbstverständlicher ist. Hier regt sich auch keiner drüber auf, wenn alles zuschneit, das ist normal.
Tomasz und ich müssen uns noch eine Übernachtung suchen. Sieht aber so aus als könnte Tomasz auch im alten Stuhl vorm Rechner pennen.
Sicherlich willst du wissen, was ich hier eigentlich mache, so weit weg von daheim?
Wenn ich das wüsste. Tomasz, mein Retter, aber das ist eine andere Geschichte, erzählt mir ja leider nicht alles. Tut sehr geheimnisvoll. Auf jeden Fall haben wir die russische Grenze über irgendeine Stelle passiert, die wohl unter das europäische Abkommen fällt, habe keinen Pass zeigen müssen. Wir sind hier also illegal eingereist. Hat das Folgen? Hoffe, wir kommen hier so unkompliziert wieder raus wie wir rein gekommen sind. Morgen fahren wir noch mal zur Datscha und holen „Ware“ ab. Surfboards werden das leider nicht sein. Habe irgendwas von Medikamenten verstanden.
Aber Tomasz ist Künstler, ich bin also in guter Gesellschaft, wird schon nicht so schlimm sein. Hier läuft wohl vieles illegal, auch Dinge wo man denkt, dass müsste doch total selbstverständlich sein.
Aber was ich dir unbedingt erzählen muss, dass ist, dort in der Datscha ist ein Gemälde und ich glaube dass ist Millionen wert!!!! Auf jeden Fall, wenn es echt ist, und es sieht verdammt echt aus. Bestimmt war das mal in jüdischem Besitz! Das Bild ist dort verloren! Es wird feucht und ist schon voller Ruß durch den Ofen. Ich glaube, die wissen gar nicht was sie da hängen haben. Deswegen werde ich versuchen, es morgen mit zu nehmen, weiß nur noch nicht wie.
Na da fällt so einem schlauen Kerlchen wie mir doch bestimmt noch was ein.Ansonsten bin ich jetzt hundemüde, aber voller Tatendrang. Mir geht es seitdem ich Paris verlassen habe viel besser, wirklich! Weg von der Autowerkstatt! Weg von den bekifften Mitbewohnern, die vom surfen labern, es aber nicht können! Weg von der Küche ohne Spülmaschine und den größten Abwaschbergen, die ich jemals gesehen habe! Weg von Paris, der viel zu teuren Stadt ohne Meer! Weg von der beschissenen Punkmusik, die ich mir jeden Nacht reinziehen musste. Weg von allen Kunstbanausen, die nur langweilige Scheiße im Kopf haben! Weg von den Umweltverschmutzern und Sesselpupsern! Liberte´!
Tschuldigung, war jetzt etwas übertrieben, aber ein wahrer Kern steckt drin Dad!
Ich habe ein schlechtes Gewissen, schon die ganze Zeit, weil ich nicht bei Matt bin, hoffentlich verzeiht er mir diesen Abgang. Wenn ich so krank wäre, wäre ich glaube ich über so einen Freund ganz schön sauer. Oh man.
Weiss auch nicht warum ich die Hintertür nach draußen genommen habe. Matt ist für mich der beste Mensch, so jemanden darf das nicht passieren! Das ist ungerecht, findest du nicht?
Ob ich ihm schreiben soll?Schluss jetzt mit dem Gefühlskram, machs gut und mach dir keine Sorgen!!
Ach, wenn es dir irgendwie möglich ist, könntest du Struppi retten? Er ist bei Minouche und ich glaube die hat derzeit ein Problem mit mir, und damit wohl auch mit Struppi.Ich glaube, ich muss nur endlich wieder Wasser schnuppern, dann komme ich auch wieder zu Verstand. Am besten eiskaltes Wasser!! Habe Tomasz schon voll gelabert mit Wellen und Ostsee, er hat mich angeschaut, als ob ich jetzt ne Vollmeise habe. Ja, wahrscheinlich ist es auch so, aber ich habe auf einer Internetseite gesehen, dass es in Polen Wellen gibt, nur wann, das ist die Frage und mit was soll ich surfen?
Shaper scheint es hier nicht zu geben, vielleicht ein altes Windsurfboard ausprobieren! Warum nicht, besser als nix. Und Tomasz scheuche ich da auch noch drauf.So nu aber Schluss.
Ich hoffe, Matt übersteht das alles gut, bitte grüße ihn von mir wenn du ihn siehst.Dein völlig überdrehter Sohn Malte
3. Dezember 2005 um 23:04 Uhr #57877
trevira2000GastHamburg
Auch an St Georg geht das Weihnachtsvorspiel nicht unberührt vorüber. Svenja schaut interessiert in die zahlreichen Schaufenster. Eigentlich sollte sie ja schon längst wieder in Amsterdam sein, aber wenn man sie so beobachtet könnte man meinen sie hat unendlich viel Zeit, so wie sie in aller Ruhe in der Langen Reihe entlang spaziert. Sie zieht viele Blicke auf sich, groß, schlank und blond wie sie ist.
Dabei fühlt sie sich gar nicht so, wie es nach außen scheint. Das braune Gesicht täuscht darüber hinweg, dass sie eine schwere Erkältung hatte, gleich als sie in Hamburg eintraf und für Maike nicht gerade eine große Hilfe bei der Suche nach Malte war.
Aber heute geht es schon wieder, nur wer genau hinsieht, kann sehen dass an der Nase der Schnupfen noch Spuren hinterlassen hat.
Svenja genießt es mal wieder, in Hamburg zu sein, lange her. Sie geht zielstrebig auf das Cafe Gnosa zu, ein bekanntes Cafe mit sehr leckeren Torten.
Drinnen herrscht rege Betriebsamkeit. Hier wird sie längst nicht so intensiv in Augenschein genommen, jedenfalls von männlicher Seite. Die haben andere Ziele im Auge. Frauen sind kaum auszumachen, zwei außer Maike, die weiter hinten sitzt und Gedanken versunken auf ein großes Tortenstück starrt, das vor ihr auf dem Tisch bereit zum Verzehr steht.
„Hallo Maike, da bin ich, hoffentlich nicht zu spät?“ sagt Svenja, legt ihren Mantel auf einem leeren Stuhl ab und setzt sich dann neben Maike, „dass sieht ja lecker aus und so unberührt, darf ich reinbeißen?“
„Was? Ach entschuldige, habe geträumt, hallo Svenja! Na, warst du schön bummeln? Klar probier ruhig, können ja gleich noch ein weiteres Stück bestellen,“ sagt sie hektisch und schaut Svenja noch etwas weggetreten an.
„Alles in Ordnung? Gibt es was Neues von Malte?“ fragt Sevenja besorgt als sie in das müde Gesicht von Maike schaut. Maike sieht wirklich so aus als würde ihr eine Luftveränderung gut tun, sie ist sehr blass. Sie trägt ein klassisches Twinset und dazu einen karierten Rock. So sieht sie aus, als wäre sie aus einem alten französischen Film noir importiert. Ihr schwarzes Haar, bis zur Schulter glatt herunter hängend, mit einem kurzen Pony, unterstreicht diesen Eindruck noch. Der Aschenbecher neben ihr ist schon voll mit Kippen und auch jetzt hat sie eine Zigarette in Arbeit. „Ja, es gibt Neuigkeiten. Sieht man mir das an? Du wirst es nicht glauben. Er ist irgendwo an der deutsch-polnischen Grenze. Der Junge hat jetzt eine Vollmeise Svenja. So hochbegabt wie er ist, so hochbekloppt ist er auch,“ sagt Maike dann und schaut Svenja verärgert an, als wäre sie dafür verantwortlich. Svenja lacht erleichtert auf, „na das ist doch schon eine positive Meldung! Er lebt und macht weiterhin den altbekannten Blödsinn. Aber was will er denn im Osten, da gibt es doch keine Wellen.“ „Na du lachst, er ist da mit irgendwelchen Schmugglern zu Gange und findet das obercool. Wie er da hingekommen ist, ist noch ein Rätsel. Er hat Marc eine Mail geschrieben,“ sagt Maike und ißt jetzt auch etwas von dem leckeren Stück Torte. Svenja bestellt sich eine ordentliche Ladung Hüftgold bei dem hübschen jungen Mann, der nur Augen hat für den männlichen Typ am Nachbartisch.
„Weißt du, wenn er mir sagen würde, ich bin schwul, oder ich will heiraten, oder meine Freundin erwartet ein Kind, das wären ja normale Probleme…“ fängt Maike wieder an und jetzt schaut der Kellner sie ganz interessiert an, und auch die anderen an den Nachbartischen brechen ihre Gespräche ab und lauschen auf ihr Gespräch. „Er hat ja nun auch die richtigen Vorbilder für sein ausschweifendes Leben. Eine Mutter, die es ab und an mit Frauen treibt, ein Ex-Profisurfer der jetzt ein Fitnessstudio betreibt, einen Hund der denken kann, jedenfalls behauptet das dein Sohn, einen 55 jährigen Freund, den er abgöttisch verehrt, traumatisch Erlebnisse in Bleckede…“ „Ja ja ist ja gut, muss ja nicht jeder mitkriegen was bei uns abgeht,“ antwortet Maike leise und eindringlich. Sie schaut sich misstrauisch um und die Lauscher um sie herum wenden sich wieder ihren Angelegenheiten zu.
„Und wie geht’s jetzt weiter?“ fragt Svenja „Furby und Handke sind auf dem Weg nach Warschau. Wir hoffen, dass wir bis dahin mehr über Maltes Verbleib wissen.“
„Das hört sich doch nach einer überschaubaren Maßnahme an. Komm lass uns die Torte vertilgen, bevor sie der entzückende Kellner wieder mitnimmt, weil die Frist fürs Tortenessen abgelaufen ist,“ sagt Svenja, ihr läuft schon das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der Orangensahnetorte mit Cointreau.
„Ja, vielleicht hast du Recht, Malte lebt und ich sollte mich freuen!“ meint dann auch Maike und macht sich auch an ihr Stück Torte.Wir lassen die Beiden beim Essen und weiteren Plaudereien unbeobachtet und schauen als nächstes mal, was da so bei Handke und Furby abgeht.
6. Dezember 2005 um 0:23 Uhr #57900
trevira2000GastWarschau
„Muss die Töhle schon wieder raus?“ fragt Handke genervt. „Man der Kleine war seit Poznan nicht mehr draußen und ich könnte auch mal!“ antwortet Furby bestimmt und schaut kurz nach hinten zu Struppi, der aufmerksam den Berufsverkehr draußen beobachtet. Manchmal hat Furby sogar das Gefühl, der Hund beobachtet einzelne Fußgänger und natürlich die vorbeistreunenden Hunde.
Dann fiept er leise und schiebt die Nase ganz dicht an die Autoscheibe, so dass durch sein Atem die Scheibe beschlägt und Struppi ganz irritiert drauf schaut und schnüffelt, als würde sie dann schneller wieder durchsichtig werden. „Schau mal, ich halte da bei der Grünfläche,“ holt ihn Handke zurück aus seinen Verhaltenspsychologischen Betrachtungen. „Das ist ein Friedhof,“ empört sich Furby. „Na und? Ist das keine Grünfläche oder was?“ fragt Handke verständnislos und parkt den Wagen. Feiner Nieselregen macht die Atmosphäre hier in Warschau nicht gerade ansprechend. Kümmerliche Kiefern und Lebensbäume versuchen den tief hängenden Himmel zu stützen. Unsicher schaut sich Furby um, steigt aus den Wagen und Struppi springt freudig hinterher. Das schlechte Wetter stört ihn nicht
weiter und zielstrebig steuert er die erste Konifere an, die im Wege steht. Bei dem Wetter ist hier nicht viel los, stellt Furby erleichtert fest und immerhin sind sie ja noch am Eingang zum Friedhof. Furby zieht die Jacke fester um sich und beobachtet Struppi wie er die Gegend nun erkundet, hier ein bisschen schnüffeln, dort ein bisschen pinkeln. Dann schaut er auf Handke, der im Wagen sitzt und die Karte von Warschau studiert. Immerhin, sie wissen jetzt, dass Malte sich bei zwei Künstlern namens Tomasz und Mateusz aufhält, das war dann aber auch alles. Hoffnung ist, dass die Beiden bekannt sind in der Künstlerszene. Dass heißt erst einmal zur Kunstakademie hier in Warschau, vielleicht kennen sie dort ja die Beiden, danach dann eintauchen in die polnische Kulturszene und kundschaften, so ist der Plan.
Aber wenn er so an sich herunterschaut, könnte er auch gut erst einmal ein bisschen im Hotelzimmer ausruhen und sich trockene Sachen anziehen.
Struppi scheint keine Lust mehr zu haben auf die Eingangssituation und verschwindet fast unbeobachtet auf dem Friedhofsgelände. „Furby, pass doch auf, Struppi verschwindet gerade Richtung Krematorium!“ ruft Handke aus dem Wagen und deutet hektisch in die Richtung. Erschrocken dreht sich Furby in die genannte Richtung und sieht gerade noch wie Struppi hinter einen Grabstein verschwindet. „Scheiße!“ flucht Furby und rennt hinterher. „Struppi, bei Fuß!“ Struppi scheint das gar nicht wahrzunehmen, er hat nämlich etwas ganz spannendes entdeckt, einen Terrier! Zwar eine Nummer größer als er selbst aber ebenfalls interessiert. Beide beschnuppern sich aufgeregt von allen Seiten und beginnen mit dem Vorspiel, als Furby vollkommen außer Atem bei den Beiden eintrifft. „Struppi spinnst du, komm sofort hierher!“ ruft er jetzt bestimmt aber ohne jede Wirkung, da hilft nur die Leine. Entschlossen geht er zu den beiden und versucht Struppi am Halsband zu fassen. „Na, der Hund macht ja was er will,“ hört er da hinter sich eine ältere Stimme in gebrochem Deutsch. Überrascht dreht er sich um und blickt in das lachende Gesicht eines älteren Mannes mit faltigem Gesicht und einem Hut der tief ins Gesicht ragt.
„Ach ist das ihr Hund?“ fragt Furby und lächelt zurück. „Ja, wir gehören hier wohl beide mit unseren Hunden nicht in den Friedhof, aber an einem Tag wie diesen habe ich gedacht, wird es schon niemanden stören,“ nickt der Alte und dann ruft er seinen Hund, der sofort kommt und sich brav anleinen lässt. Da will Struppi natürlich auch keinen schlechten Eindruck hinterlassen und lässt sich auch widerspruchslos anleinen.
„Vielleicht können Sie uns weiterhelfen, wir suchen ein günstiges Hotel und die Kunstakademie,“ fragt Furby dann den Alten, als sie gemeinsam Richtung Ausgang gehen. „Haben Sie eine Karte?“ fragt der Alte gleich interessiert. „Ja, im Auto,“ meint Furby und zeigt in die Richtung. „Kein Problem, dann zeige ich Ihnen beides!“
Wofür so ein Hund doch gut ist, denkt Furby, direkt völkerverständigend.7. Dezember 2005 um 23:37 Uhr #57962
trevira2000GastBordeaux
Matts Gedanken kreisen, sie können sich an nichts wirklich festhalten. Die Augen hat er geschlossen, es ist zuviel Krankenhaus um ihn herum. Der Geruch reicht, lauter Atem seines Bettnachbarn und dieses unwiderstehliche immer wieder kehrende Geräusch der Maschine entmutigen schon genug. Nicht auch noch dieses Elend die ganze Zeit anstarren müssen.
Hier herrschen eigene Gesetzte, alles was er jemals draußen kannte verliert plötzlich an Bedeutung, eine Welt mit einem anderen Zeitverständnis. Als Patient hast du unendlich viel Zeit, so scheint es. Hier wird mal der Puls gemessen, da mal Fieber gemessen, dann vielleicht die Wunde neu verbunden, danach wieder warten, bis z.B. die Reinigungskraft kommt und ein bisschen den Staub aufwirbelt oder die Krankenschwester einem wieder irgendetwas in die Venen spritzt. Matt nimmt das alles so hin, er ist auch viel zu schwach um sich gegen diese Krankenhausalltäglichkeit zu wehren. Wenigstens hat er die Intensivstation hinter sich und nun das Gefühl auf dem Wege der Besserung zu sein. Lächeln musste er, als die Schwester ihm seine Jeans und seine anderen Sachen ins Zimmer brachte, ein wohliges Gefühl von Hoffnung.„Matt?“ eine leise Stimme holt ihn zurück. Er öffnet die Augen, die sich dabei etwas schwer tun, eine ungewohnte Bewegung. Das Tageslicht blendet und er erkennt im ersten Moment nur eine Silhouette. „Hi Matt, bist du wach, ich bin’s Marc!“ sagt da die Stimme noch mal sanft und er spürt wie eine Hand seine Hand sanft berührt. „Hi alter Freund,“ flüstert Matt, er hat kaum die Kraft zum sprechen, aber immerhin kann er Marc jetzt besser erkennen. Marc lächelt ihn mitleidig an und drückt jetzt seine Hand fester, „na wie schauts? Hast du starke Schmerzen?“ Matt schüttelt den Kopf, er ist viel zu gedopt um wirklich Schmerzen zu spüren, es ist mehr so ein dumpfer dunkler hintergründiger Druck auf seiner Brust, den er spürt. „Bist du müde oder soll ich dir ein bisschen was erzählen?“ Matt muss jetzt grinsen, Marc macht sich nicht so gut als liebevolle Krankenschwester, aber er gibt sich wirklich Mühe, dass muss man ihm lassen. Das alles strengt schon so an, dass Matt einfach nur wieder die Augen schließt und langsam wieder in einen Halbschlaf abgleitet. Er spürt noch immer die Wärme der Hand von Marc und wie sie sich bei ihm im Arm ausbreitet.
Marc schaut besorgt auf seinen verwundeten Freund, der so blass vor ihm liegt und kaum die Kraft hat, zu antworten. Nichts ist schlimmer als jemanden leiden zu sehen und nichts machen zu können, außer ein bisschen Händchen halten, denkt er. Traurig schaut Marc auf das Nachbarbett, in dem einer schwer atmet, die ganze Zeit, als würde er immer zu wenig Luft bekommen. Au man, wer weiß, was man so selber noch vor sich hat, gut, dass man es nicht weiß.
Die Tür geht leise auf und Zuzette kommt ins Zimmer. Sie hat einen Strauß weißer Rosen dabei. Auf dem Tisch steht schon ein ganzes Ensemble verschiedenster Blumenvariationen und etwas hilflos sucht sie noch nach einer leeren Vase.
Als sie keine findet entscheidet sie, eines der Blumensträuße zu entfernen und ihres dort hineinzustecken. „Ist doch vielleicht auch ein ganz schöner Trockenstrauß,“ meint sie und weiß noch so recht wohin mit den aussortierten Nelken. „Für die Schwestern draußen,“ flüstert ihr Marc zu. „eine gute Idee,“ flüstert Zuzette zurück, und legt die Nelken erst einmal auf die Fensterbank. Die kommen sowieso von Tante Coulette, eine entferne Verwandte, die den Strauß bestimmt nicht aus Liebe sondern aus Anstand gekauft hat, denkt Zuzette, und spricht damit ihr Gewissen frei.Sie setzt sich neben Marc und beobachtet besorgt das Gesicht von Matt und nimmt jede Veränderung wahr. Ein bisschen mehr Farbe hat er, wenn auch nur eine Nuance, die tiefen dunklen Augenränder sind verschwunden, der Schlaf scheint ihm gut zu tun, nur die Falten um den Mund scheinen ein wenig tiefer eingegraben. „Hat der Arzt noch was zu dir gesagt?“ fragt Marc sie leise. „Keine Komplikationen, er ist zufrieden, jetzt heißt es hoffen, dass nichts mehr nachkommt und dass sich Matt weiter gut erholt.“ „Das wird er!“ meint Marc bestimmt und spürt eine Gewissheit in seinen Worten, die ihn selber überrascht.
9. Dezember 2005 um 0:10 Uhr #58010
trevira2000GastPolen
„Lass mich fahren!“ sagt Malte und schaut besorgt auf die Schlafzimmeraugen von Tomasz, zweimal musste er ihn schon anstoßen, sonst wäre dieser eingeschlafen. Jedes Mal machte der Transporter einen abrupten Schlenker zur linken Straßenseite und hinten flogen die Medikamente durch den Laderaum.
„Du bist doch noch keine 18 und hast keinen Führerschein!“ murmelt Tomasz und schaut blinzelt auf den sich nähernden entgegenkommenden Verkehr. Die Scheibe ist verdreckt und es hat wieder angefangen zu schneien, keine guten Voraussetzungen, um totmüde durch eine unbekannte Gegend zu fahren. „Aber ich bin hellwach und kann Autofahren, ich fahre seit meinem 12. Lebensjahr,“ erklärt Malte. Tomasz schaut ihn erstaunt an, überlegt kurz, schüttelt dann den Kopf, „aber du kennst die Strecke nicht.“ „Zeig es mir auf der Karte, wozu haben wir die dabei?“ versucht Malte weiter seinen müden Komplizen zu überzeugen. „Okay, bevor ich den Wagen in den Graben setze, aber du erzählst keinen Scheiß?“ fragt Tomasz noch mal skeptisch. „Los komm lass es mich beweisen,“ sagt Malte und daraufhin hält der Wagen am Straßenrand und die beiden wechseln.
Es ist nicht so, dass Malte nicht müde ist, aber der Adrenalinhaushalt ist die letzte halbe Stunde doch ins immense gestiegen und hat bestimmt schon einige Nervenzellen im Hirn zum Sieden gebracht. Also würde er wohl auch noch eine Weile fahren können, denkt er.
Tomasz faltet die riesige Karte auseinander und muss sich auch erst einmal orientieren. „Hier sind wir über die Grenze,“ er zeigt auf einen Punkt in einer großen grünen Fläche. „Ist das da oben die Ostsee?“ fragt Malte der sofort die blauen Flächen in Augenschein nimmt. „Ja, die Ostsee, was sonst, das schwarze Meer?“ lacht Tomasz und schaut in das aufgeregte Gesicht von Malte, der ihn dann fragt, „man, wieviele Kilometer sind wir weg vom Meer?“ „Na, schau auf den Maßstab, keine 20 Kilometer,“ antwortet Tomasz, nicht wissend wie er die Aufregung Maltes jetzt zuordnen soll. „Verdammt und das hast du mir nicht gesagt?“ entgeistert und empört schaut Malte auf Tomasz. „Na, hör mal, was soll denn jetzt der Stress? Wir hatten einen Auftrag und wir haben ihn noch immer! In zwei Stunden muss ich die Sachen dahinten im Laderaum abgeliefert haben,“ entgegnet Tomasz jetzt etwas ärgerlich. Malte starrt immer noch auf die blaue Fläche und murmelt „20 Kilometer!“ „Fährst du jetzt oder nicht?“ fragt Tomasz angenervt. „Was? Achso, jaja, wir liefern das Zeug ab und dann will ich ans Meer! Ist das ein Deal?“ fragt Malte und seine Mine duldet keinen Widerspruch. Tomasz ist es langsam leid, „und jetzt guck mal auf meinen Finger, der zeigt auf unseren ungefähren Standort, und dort müssen wir hin, o.k.?“ der Finger wandert über eine sich lang ziehende Landstrasse fast immer parallel zur Ostsee und endet dann in einem kleinen Dorf, kaum einen Kilometer von einer Bucht entfernt. Malte grinst und nickt. Er versucht sich einige markante Punkte einzuprägen. „Alles klar, leg die Karte da neben meinen Sitz, im Notfall kann ich dann schnell drauf schauen,“ meint er und startet den Wagen. Selbstbewußt stellt Malte den Spiegel noch etwas um und den Sitz mehr nach vorne. Jetzt kann er Tomasz wenigstens zeigen, dass er auch zu etwas nütze ist. Zügig fährt er auf die dunkle Landstrasse weiter gen Westen. Eine Weile noch beobachtet Tomasz Maltes Fahrweise, doch dann siegt der Schlaf der ihn sanft wegtreiben lässt.10. Dezember 2005 um 1:01 Uhr #58045
trevira2000Gast….. wie schnell die Wolken am Himmel entlang ziehen, und das Wasser ist so weich. Tomasz lässt sich sanft auf und ab treiben. Schwerelos und sicher trägt ihn das Meer über unterirdische Gräben, felsigen Untergrund, scharfe Riffe und was da sonst noch unter der Oberfläche lauert. Viele kleine unzählige Wellen um ihn herum, Schaumkronen und irgendwie riecht es nach seinem Lieblingskinderbadeschaum. Ab und an blendet die Sonne, wenn sie zwischen den Wolken hindurchschaut und dann verwandelt sie die See in einen türkisenen Whirlpool. „Tomasz!“ er hört jemanden rufen und dreht sich ein wenig in die Seitenlage, jetzt sieht er einen kleinen Punkt der immer näher kommt. Es ist Malte, ja genau, jetzt kann er ihn erkennen, er liegt auf einem Surfboard und paddelt auf ihn zu und winkt dabei. „Hallo Malte, was machst du denn hier?“ „Hallo Tomasz, schön dich zu treffen,“ Malte ist jetzt direkt neben ihm und setzt sich locker auf sein Board. Er trägt nur rote Bordshorts und sein Gesicht ist ein einziges glückliches Grinsen. „Was machst du hier? Du fährst doch gerade Auto, du hast hier nichts verloren!“ „Fahr ich etwa Auto?“ lachend schaut sich Malte um, „heute geht’s ab, es kommen noch feine Wellen rein, bestimmt,“ und er zeigt in Richtung Westen. Stimmt, die kleinen Wellchen scheinen sich zusammenzurotten. Tomasz schaut sich um und bekommt es mit der Angst, „Malte geh hier raus, das ist mein Traum, du fährst Auto! Du darfst nicht einschlafen!“ verzweifelt versucht Tomasz sich selbst zu wecken, aber irgendwie gelingt ihm das nicht. Malte lacht nur die ganze Zeit und zeigt dann auf eine große Welle, die sie beide spielend rauf in den Himmel und wieder ins Tal trägt. Dann verschwindet Malte plötzlich aus seinem Gesichtsfeld und die nächste Welle bricht sich direkt über Tomasz, er schreit auf, er bekommt keine Luft, dann greift etwas nach seinem Arm. Er wehrt sich verzweifelt, aber es hat sich irgendwie festgebissen. „Tomasz!“ „Was?“ „Wach endlich auf verdammt!“ Tomasz schaut Malte verdutzt an, “oh man Malte, ist uns was passiert?“ „Passiert? Ja, du bist gerade dabei mir den Arm aus dem Kugelgelenk zu reißen!“ Erschreckt lässt Tomasz den Arm von Malte los und guckt sich verwirrt um. Morgendämmerung. Sie stehen am Straßenrand, der Motor rattert und Malte hockt neben ihm, ihn seltsam anstarrend. „Was ist? Warum halten wir?“ „Man du hast immer meinen Namen geschrieen, keine Ahnung was ich mit dir gemacht habe, war wohl nix gutes oder? Wollte dich aus deinem Alptraum befreien!“ „Und keinen Unfall?“ fragt Tomasz vorsichtig. „Unfall? Nein es ist alles in Ordnung, außer dass die Kiste Öl braucht, die Lampe leuchtet auf.“ „Öl? Scheiße, seit wann braucht die Kiste Öl?“ „Sag bloß, du hast kein Öl im Wagen?“ „Man dieser Wagen schnurrt wie ein Kätzchen, das kann nicht sein. Mist,“ polnisch fluchend steigt Tomasz aus dem Wagen und wird von eiskalter Luft begrüßt. Er starrt auf die Felder und die entfernten Lichter eines Bauerngehöfts. Malte zieht es da eher nicht raus, außerdem hat er keine Lust auf einen missgestimmten Tomasz. Er schaltet den Wagen ab, um den Motor zu schonen und betrachtet den leise rieselnden Schnee der sich mehr und mehr auf der Windschutzscheibe verteilt. Er möchte sich gar nicht vorstellen, was hier gleich abgeht, wenn Tomasz merkt, dass sie sich verfahren haben, er hätte ihm vielleicht doch lieber sagen sollen, dass er ein Problem mit der Orientierung hat, denkt Malte.
11. Dezember 2005 um 18:50 Uhr #58086
trevira2000GastWarschau
„Was für ein Wetter! Wird es hier eigentlich auch mal hell? Oder sind wir so nah an der Polargrenze,“ jammert Furby während er seinen Blick über das vor ihm liegende Fabrikgelände wandern lässt. Er trägt alles an Kleidung übereinander, was er mitgenommen hat und trotzdem zieht diese feuchte Kälte durch die Klamotten. Struppi schnuppert schon aufgeregt am Eingang des Gebäudes. Ihm macht die Kälte mal wieder nichts aus, beneidenswert, denkt Furby. „Er scheint etwas gewittert zu haben,“ sagt Handke, schnippt seine Kippe weg und geht mit forschen Schritten auf die große Metalltür zu, an der Struppi aufgeregt bellt. Furby beeilt sich hinter her zu kommen, bloß raus aus der Kälte, obwohl ihm schon schwant, dass es dort drinnen kaum wärmer sein wird. Er braucht nur nach oben zu schauen, überall zersplitterte Fenster, hier wird auf jeden Fall ordentlich gelüftet.
Handke öffnet entschlossen die Tür. Sie schauen in ein dunkles Treppenhaus. „Nicht sehr einladend,“ murmelt Handke. Struppi schnuppert skeptisch und schaut sich unsicher um, als würde er sagen, „geht ihr mal vor.“ Hinter Furby fällt die Tür zu. Es wird von einem Moment zum anderen Nacht. Struppi jault auf, verlässt sich dann aber auf seine Nase und beginnt mit dem Aufstieg, immer noch diesen wohlbekannten Geruch in der Nase. Furby und Handke brauchen einen Moment bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt haben. Jetzt erkennen sie schon die weiße kleine Gestalt, die weiter oben auf einem Treppenabsatz nach ihnen Ausschau hält. Es fällt ein wenig Licht von oben in den Treppenschacht und das reicht, um sich vorsichtig von Stufe zu Stufe ins Innere der Fabrik vorzutasten.
„Struppi, bei Fuß!“ ruft Furby. Die Anwesenheit des Hundes, der hier so sicher seinen Weg geht, hat irgendwie etwas Beruhigendes und das möchte er nicht verlieren. Das Metallgeländer ist eiskalt, aber dafür umso faszinierender in seiner Form. Im Dunkeln gleiten Furbys Hände über interessante Ornamente, es fühlt sich an wie Blüten, Blätter, Knospen. Das passt so gar nicht zu dieser eigentlichen Funktion des Gebäudes, denkt Furby. Eine Etage weiter oben, ist wieder eine Tür, durch einen kleinen Spalt und durch das Schlüsselloch dringt Licht. Struppi bellt laut in freudiger Erwartung, hüpft dann aber erschreckt zurück, als er seinen Beller ein paar Mal im Echo hört. Verwirrt schaut er sich um, so viele Hunde? Und er hat sie nicht gerochen? Furby muss lachen, aber Handke stöhnt laut auf und zischt, “ruhe verdammt! Ich mache jetzt die Tür auf!“ überraschend schwungvoll fällt sie zur Seite und gibt den Blick auf einen hell erleuchteten großen Saal frei. Durch zahlreiche zerstörte Fenster dringt Licht, dass Furby draußen nicht als Solches bezeichnet hätte. Hier hat es magische Wirkung, wie Scheinwerferspots beleuchtet es einzelne alte Maschinen und die meterhohen Metallsäulen, die bis zum Dach hinaufragen. „Mein Gott, man könnte meinen, man steht in einer alten Kathedrale!“, ruft Furby. Es riecht nach altem Öl und Staub. „Was für eine Kulisse!“ lässt sich Handke hinreißen, den diese Atmosphäre nun auch in den Bann zieht. Nur Struppi lässt sich von den Früchten der Industrialisierung nicht ablenken und hat die alte Werkhalle schon durchquert. Jetzt steht er vor einem großen Tor mit zwei Flügeln. Furby und Handke sind auf halber Strecke als dieses Tor plötzlich aufgeht und eine Gestalt sichtbar wird. Sogleich nimmt Struppi sie bellend in Empfang. Er flitzt in den dahinter liegenden Raum und die Gestalt mit einem lauten Ruf hinterher. Die ganze Halle erzittert, als die schweren Türflügel wieder ins Schloss fallen. Furby schaut skeptisch auf das Glasdach ganz oben. „Los hinter her!“ ruft Handke und der Mann der Tat rennt auf die Türflügel zu, Furby ihm nach.
Dahinter erwartet sie ein großer langer Flur, mit etlichen Türen rechts und links. Sie rennen hinter der schwarzen Gestalt her, die weit vor ihnen noch immer den Gang entlang läuft. Struppi hören sie wild bellen, er ist aber schon nicht mehr zu sehen. Ihre hastigen Schritte hallen laut auf dem harten Boden. Ganz plötzlich verschwindet die Gestalt mit einem Ruf hinter einer Ecke. Als Furby und Handke diese Stelle erreichen, schauen sie erst einmal vorsichtig auf das was sie dort erwartet. Wieder ein Flur, diesmal allerdings ein schmaler dunkler Gang. Hier scheinen ehemalige Verwaltungsräume gelegen zu haben, mutmaßt Furby. Sie nehmen die Verfolgung wieder auf. Vor einer Tür, aus der sie Struppi wimmern und knurren hören, bleiben sie stehen und horchen. „Und nun?“ keucht Furby völlig außer Atem, als Surfer hat er die typischen konditionellen Schwächen, bei Bewegungen die außerhalb des Wassers stattfinden. Handke hat dagegen die stählerne Kondition eines ehemaligen Bullen, der es gewohnt war seine Gegner auf frischer Tat zu ertappen und dingfest zu machen. Hier nun ist er wieder völlig in seinem Element, hier fühlt er sich zuhause. So etwas wie Angst kennt er nicht, jetzt gilt es stahlharte Nerven zu zeigen und klare Entscheidungen zu treffen, „wir gehen rein!“ -
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