Kun_tiqi & Collective Surfboards

Willkommen zurück zu einer neuen Runde „6 Fragen an“! Nach unserem kleinen Fragen-Update schicken wir die Rubrik direkt mit einem echten Schwergewicht in Sachen Nachhaltigkeit und Boarddesign in die nächste Runde. Heute blicken wir in den Shaper-Room von jemandem, der beweist, dass umweltbewusster Surfboardbau weit mehr ist als nur ein grünes Marketing-Label.

Die Rede ist von Stefan, der im nordspanischen Loredo gleich zwei Brands unter einem Dach vereint, die sich extrem clever ergänzen:

  • Kun_tiqi steht für hohle, extrem aufwendig verarbeitete Holzboards komplett ohne Glasfaser – echte, langlebige Unikate mit zeitlosem Flow.
  • Collective Surfboards bringt die moderne Performance auf den Plan – mit recycelten Schaumkernen, pflanzenölbasiertem Epoxyharz und Shapes, die perfekt auf unseren europäischen Surf-Alltag abgestimmt sind.

Wie der Spagat zwischen traditionellem Handwerk und modernen CAD-Designs gelingt, warum die meisten von uns eigentlich mit zu kleinen Boards im Line-Up herumpaddeln und warum die wahre Magie erst nach der CNC-Fräse entsteht, hat uns Stefan im Interview verraten.


Die DNA: Wer steckt hinter dem Label und welche Vision treibt euch jeden Tag in den Shaper-Room?

Hinter Kun_tiqi und Collective Surfboards stecke hauptsächlich ich, Stefan, zusammen mit einem kleinen Team in unserer Werkstatt in Loredo in Nordspanien. Viele denken zuerst, dass es zwei komplett unterschiedliche Firmen sind, aber eigentlich ergänzen sich beide Marken perfekt.

Kun_tiqi entstand aus der Idee heraus, Surfboards möglichst natürlich und langlebig zu bauen. Wir bauen hohle Holzboards komplett ohne Glasfaser. Das ist extrem handwerksintensiv und jedes einzelne Board geht viele Stunden durch unsere Hände. Durch die unterschiedliche Maserung und Holzfarbe wird jedes Board automatisch zu einem Einzelstück.

Kun_tiqi Wooden Surfboards

Collective Surfboards ist die modernere und performance-orientiertere Seite von uns. Hier arbeiten wir mit nachhaltigen Schaumkernen auf recycelter Basis, pflanzenölbasiertem Epoxyharz und modernen Shapes. Die Boards sind leichter, direkter und näher an dem, was viele Surfer heute als Daily Driver suchen.

Collective Surfboards

„Unsere Vision ist eigentlich ziemlich simpel: langlebige Boards bauen, die Charakter haben und wirklich zum Surfer passen — statt anonymer Wegwerfprodukte.“

Stefan Weckert, Kun_tiqi & Collective Surfboards

Die Philosophie: Welcher eurer Shapes repräsentiert eure Handschrift am besten und welchen „Geheimtipp“ habt ihr für Surfer, die in europäischen Wellen den nächsten Schritt machen wollen?

Das hängt natürlich stark davon ab, über welche unserer beiden Marken man spricht, weil Kun_tiqi und Collective unterschiedliche Philosophien verfolgen.

Bei Kun_tiqi repräsentieren wahrscheinlich das Fegg oder unser Retro Fish unsere Handschrift am besten. Beide Shapes stehen sehr für Flow, Speed und ein harmonisches Surfgefühl statt für rein aggressives Performance-Surfen. Durch die Holzkonstruktion bekommen die Boards zusätzlich einen ganz eigenen Flex und Charakter im Wasser.

Das Fegg funktioniert dabei für unglaublich viele Surfer und Bedingungen. Gerade für landlocked Surfer, die nur einige Surftrips im Jahr machen, ist so ein Shape oft ein echter Geheimtipp. Man bekommt damit ab dem ersten Urlaubstag viele Wellen, kommt schnell wieder ins Gefühl und surft einfach deutlich mehr. Genau das bringt die meisten Surfer langfristig weiter.

Kun_tiqi – Fegg

Bei Collective wäre es wahrscheinlich die Juno. Ein modernes Midlength mit viel Speed, Flow und trotzdem genug Performance, um richtig dynamisch zu surfen. Die Juno gibt es klassisch als 2+1 Setup und inzwischen auch als Twin mit Canard-Twinzer-Seitenfinnen. Dieses Setup bringt nochmal mehr Geschwindigkeit und gleichzeitig mehr Kontrolle ins Board, besonders in europäischen Beachbreaks.

Collective Surfboards – Juno

Der größte Fehler vieler Surfer ist aus meiner Sicht, Boards zu fahren, die zu klein oder zu radikal für ihre echten Bedingungen sind. Viele orientieren sich an Pro-Modellen für perfekte Weltklasse-Wellen, obwohl die meisten von uns eher durchschnittliche europäische Beachbreaks surfen.

Unser Geheimtipp wäre deshalb oft: etwas mehr Volumen, etwas mehr Länge und Boards, die Geschwindigkeit selbst generieren. Damit bekommt man mehr Wellen, mehr echte Surfzeit und vor allem mehr Wiederholungen im Wasser — und genau dadurch entwickeln sich die meisten Surfer deutlich schneller weiter und haben langfristig mehr Spaß am Surfen. 

Handwerk vs. Hightech: Wo findet bei euch die Magie statt – verlasst ihr euch auf das klassische Auge-Hand-Gefühl oder ist der Laptop/die CNC-Fräse mittlerweile euer wichtigstes Werkzeug?

„Die eigentliche Magie passiert für uns immer noch mit den Händen.“
Trotzdem gehören moderne Technologien heute ganz selbstverständlich zu unserem Alltag. Bei Collective arbeiten wir mit CAD-Design und CNC-Fräsen, weil man Shapes dadurch extrem präzise entwickeln und reproduzieren kann. Gerade bei performance-orientierten Boards ist das ein riesiger Vorteil. Kleine Änderungen an Rocker, Bottom oder Rails machen oft einen enormen Unterschied.

Auch bei Kun_tiqi nutzen wir moderne Technik wie Laserzuschnitte, weil die Präzision bei den vielen einzelnen Holzteilen unglaublich wichtig ist. Ohne diese Technologie wäre der Aufwand für unsere hohlen Holzboards kaum realistisch umsetzbar.
Aber die eigentliche Persönlichkeit eines Boards entsteht trotzdem erst danach. Die Maschine kann einen Rohshape fräsen — aber Charakter, Gefühl und Seele entstehen erst durch die Hände des Shapers. Das finale Foil, die Rails, die Übergänge oder das Finish werden bei uns bewusst von Hand ausgearbeitet. Genau in diesen kleinen Details entsteht am Ende das Gefühl, das ein Board später im Wasser vermittelt.

Im Shape-Room merkt man sofort, wenn ein Board wirklich „lebt“. Man sieht und fühlt, ob die Linien harmonisch sind, ob ein Rail natürlich fließt oder ob ein Shape Spannung und Geschwindigkeit ausstrahlt. Diese Entscheidungen trifft keine Software. Sie entstehen durch Erfahrung, Gefühl und viele Stunden echter Handarbeit.
Besonders bei unseren Resin-Tint-Laminierungen sieht man sofort, wie sauber gearbeitet wurde. Da kann man nichts verstecken. Genau das lieben wir daran. Gute Handwerksarbeit bleibt sichtbar.

Und bei Kun_tiqi ist sowieso ein riesiger Teil reine Handarbeit: verleimen, anpassen, handshapen, schleifen und finishen. Jedes einzelne Board geht unzählige Male durch unsere Hände.
Genau diese Verbindung aus moderner Präzision und echter Handarbeit macht unsere Boards am Ende aus. Technologie hilft uns dabei, genauer und konstanter zu arbeiten — aber Charakter, Gefühl und Qualität entstehen erst durch die Erfahrung und die vielen Stunden Handarbeit im Shape-Room.

Kun_tiqi Shaping Workshop

Der grüne Faden: Die Surf-Industrie steht wegen ihrer Materialien oft in der Kritik. Wie geht ihr mit dem Thema Nachhaltigkeit um und wo seht ihr die größten Hebel für die Zukunft?

„Hundert Prozent nachhaltig wird ein Surfboard wahrscheinlich nie sein. Aber man kann die Materialien, die Bauweise und auch den Umgang mit Surfboards massiv verbessern.“

Stefan Weckert, Kun_tiqi & Collective Surfboards

Für uns beginnt Nachhaltigkeit zuerst bei den Materialien und deshalb arbeiten wir bei Kun_tiqi hauptsächlich mit Paulownia-Holz, das sehr leicht, stabil und von Natur aus wasserresistent ist. Gleichzeitig bauen wir die Boards hohl und komplett ohne Glasfaser. Das war ein langer Entwicklungsprozess, weil wir eine Konstruktion schaffen wollten, die natürlich bleibt und trotzdem langlebig genug für echten Alltag im Wasser ist.

Bei Collective Surfboards nutzen wir nachhaltigere Schaumkerne auf recycelter Basis sowie pflanzenölbasiertes Epoxyharz. Gerade im klassischen Surfboardbau steckt noch extrem viel Erdölchemie. Deshalb versuchen wir dort Materialien einzusetzen, die ressourenschonender sind, ohne bei Performance oder Haltbarkeit Kompromisse zu machen.

Trotzdem glauben wir, dass der größte Hebel am Ende die Langlebigkeit bleibt. Das nachhaltigste Surfboard ist wahrscheinlich nicht das mit dem „grünsten“ Marketing — sondern das, das Jahrzehnte gesurft wird und nicht nach kurzer Zeit entsorgt wird.
Viele Boards heute sind fast zu Konsumprodukten geworden. Schnell produziert, schnell ersetzt. Wir versuchen eher Boards zu bauen, zu denen Surfer eine Verbindung aufbauen. Boards, die repariert werden, altern dürfen und mit denen man über viele Jahre Erinnerungen sammelt. Dazu kommen für uns auch lokale Produktion, kurze Lieferwege und echte Handarbeit. Nicht alles muss einmal um die halbe Welt geschickt werden, bevor es im Wasser landet.

Ich glaube deshalb, dass sich die Surfindustrie langfristig weg von Wegwerf-Mentalität bewegen muss — hin zu mehr Wertigkeit, besserer Verarbeitung und bewussterem Konsum.

Local Support: Warum sollte ein Surfer bei euch um die Ecke bestellen, anstatt sich ein günstiges Board von der Stange aus dem Internet zu klicken?

„Weil ein Surfboard etwas sehr Persönliches ist.“
Viele Surfer fahren Boards, die eigentlich gar nicht zu ihrem Level, ihren Wellen oder ihrem Surfstil passen. Genau da versuchen wir anzusetzen. Wir sprechen viel mit den Leuten, schauen uns an, wo sie surfen, wie sie surfen und was sie wirklich brauchen.

Gerade bei großen Marken werden oft die Pro-Modelle stark vermarktet. Diese Boards sind aber häufig für ganz andere Wellen und ein deutlich höheres Surflevel gebaut als das, was die meisten von uns im Alltag surfen. Dadurch landen viele Surfer auf zu kleinen oder zu radikalen Boards, die ihnen eigentlich eher Wellen klauen als helfen.
Exakt deshalb entsteht bei unseren Custom Boards oft etwas komplett anderes als ein klassisches Standard-Shortboard von der Stange. Häufig sind etwas mehr Volumen, bessere Paddelpower und mehr Vielseitigkeit am Ende die deutlich bessere Wahl — und sorgen vor allem für mehr Spaß im Wasser.

Dazu kommt: Wenn mal etwas ist, sind wir erreichbar. Wir reparieren Boards selbst, wir kennen jedes einzelne Shape und stehen hinter dem Produkt. Diese direkte Verbindung zwischen Shaper und Surfer fehlt bei vielen anonym produzierten Boards inzwischen komplett.

Die Glaskugel: Welches Design-Feature oder Material wird in den nächsten Jahren die Szene revolutionieren und wo steht euer Label in fünf Jahren?

Ich glaube gar nicht unbedingt, dass die nächste große Revolution nur aus einem einzelnen neuen Shape oder Material kommen wird. Spannend wird eher die Kombination aus modernen Shapes, besserer Verarbeitung und nachhaltigeren Materialien.

Tatsächlich glaube ich auch, dass Surfboards in Zukunft fast ausschließlich aus nachhaltigeren Materialien gebaut werden. Nicht unbedingt nur aus Idealismus, sondern weil Umweltprobleme, Ressourcenknappheit und politische Regulierung immer stärker werden. Klassische Materialien aus der Erdölchemie werden langfristig wahrscheinlich teurer — sei es durch höhere Besteuerung, strengere Umweltauflagen oder irgendwann sogar Verbote bestimmter Stoffe.

Genau deshalb versuchen wir mit Collective und Kun_tiqi schon heute möglichst nachhaltige Wege zu gehen. Bei Kun_tiqi mit Holzboards komplett ohne Glasfaser. Bei Collective mit nachhaltigeren Schaumkernen und pflanzenölbasiertem Epoxyharz. Ich glaube, dass viele große Produktionen erst dann wirklich umdenken werden, wenn nachhaltigere Produktion wirtschaftlich attraktiver oder schlicht notwendig wird.

Im Bereich Design finde ich aktuell die Entwicklung rund um Canard-Twinzer-Setups extrem spannend. Das steckt gerade erst am Anfang. Dieses Finnen-Setup macht Boards spürbar schneller und gleichzeitig kontrollierter, besonders bei Twin-Fins. Man bekommt viel Speed und dieses lockere Twin-Fin-Gefühl, aber trotzdem mehr Halt und Kontrolle im Turn.
Wir bauen solche Setups inzwischen schon auf Anfrage bei unseren Alma-, Buitre Fish-, Retro Fish- und Juno-Modellen ein und sind selbst ziemlich begeistert davon, wie vielseitig und lebendig sich diese Boards surfen.

In fünf Jahren möchten wir einfach weiter genau das machen, woran wir glauben: besondere Boards bauen, nachhaltiger arbeiten und trotzdem keine Kompromisse bei Performance, Verarbeitung und Charakter eingehen.
Und hoffentlich noch mehr Leuten zeigen, dass nachhaltige Surfboards heute längst performance-orientiert, modern, langlebig und handwerklich auf höchstem Niveau gebaut sein können — mit viel Charakter und einem besonderen Fahrgefühl. Auch weil man mit einem anderen Gefühl surft, wenn man weiß, dass bei Materialien, Produktion und Langlebigkeit bewusster gearbeitet wurde und das Board der Umwelt möglichst wenig schadet.


Stefans ehrliche Antworten zeigen mal wieder ganz deutlich: Das nachhaltigste Surfboard ist am Ende immer das, das wir über Jahre hinweg reparieren, schätzen und mit dem wir unzählige Erinnerungen im Wasser sammeln – statt der anonymen Massenware von der Stange, die nach einer Saison durchgerockt ist.

Und Hand aufs Herz: Der Tipp, bei unseren oft durchschnittlichen europäischen Bedingungen auf etwas mehr Volumen, Länge und clevere Finnen-Setups wie die neuen Twinzer zu setzen, bringt am Ende einfach jedem von uns mehr Wellenzeit und damit schnelleren Fortschritt.

Ein dickes Dankeschön an Stefan für die tiefen Einblicke hinter die Kulissen in Loredo! Wenn ihr euch den nächsten Custom-Traum erfüllen wollt oder Beratung sucht, bei der noch echte Leidenschaft mitschwingt, checkt unbedingt die Jungs in Nordspanien aus.

Hier geht es direkt zu den beiden Labels:

  • Kun_tiqi Wooden Surfboards:

  • Collective Surfboards:

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