Wenn der Wind an der deutschen Küste zunimmt und die meisten Menschen die Heizung eine Stufe höher drehen, fängt für Malte Buck die beste Zeit an. Unter dem Namen outografie fängt der Hamburger Momente ein, die so rau und ehrlich sind wie die Ostsee selbst. Malte ist kein „Aussteiger“ im klassischen Sinne – er ist Marketing-Profi, frischgebackener Vater und jemand, der die Balance zwischen dem urbanen Trubel Hamburgs und der salzigen Einsamkeit der dänischen oder deutschen Küste perfektioniert hat.
Seine Bilder leben nicht von perfektem Licht oder retuschierter Ästhetik, sondern von der harten Realität des Kaltwassersurfens. Wir haben mit Malte darüber gesprochen, warum die Kälte das Adrenalin ersetzt, wie man mit 5mm-Neoprenhandschuhen eine Kamera bedient und warum die größte Herausforderung seines Lebens gerade nicht im Wasser, sondern zu Hause wartet.
Wer bist Du, Malte? Für alle, die Deinen Namen noch nicht mit dem rauen Charme des Nordens verbinden:
Wer ist der Mensch hinter dem Namen outografie und wie würdest Du Deine aktuelle Lebenssituation in einem Satz beschreiben?
Ich bin Malte,35 Jahre alt, lebe und wohne derzeit in Hamburg und versuche so oft es geht ins Wasser zu kommen. Ob zum Surfen, Bodyboarden oder halt mit meiner Kamera.
Da ich gerade zum ersten Mal Vater geworden bin und wir eine noch recht junge Hündin haben, würde ich meine aktuelle Lebenssituation als großes Abenteuer bezeichnen. Also irgendwo zwischen Wahnsinn und Glücksgefühlen!
Du lebst in Hamburg, bist aber fotografisch und privat fast ständig an der Küste.
Wie gelingt Dir diese Balance zwischen dem Stadtleben und der Notwendigkeit, regelmäßig am Meer zu sein?
In Hamburg haben wir ja tatsächlich das Glück gar nicht so weit weg vom Meer zu sein. Die Ostsee ist innerhalb einer guten Stunde mit dem Auto zu erreichen und auch die Nordseeküste ist nicht weit entfernt.
Hier schlägt es mich insbesondere immer wieder an die dänische Küste, Cold Hawaii ist vermutlich den meisten mittlerweile ein Begriff. Es gibt für mich einfach keinen besseren Ausgleich als vor oder nach der Arbeit noch schnell ins Meer zu springen, am liebsten natürlich mit Wellen. Ansonsten versuche ich mir die Wochenenden so gut es geht frei zu halten, was natürlich in letzter Zeit etwas schwieriger ist, aber ich habe Glück, dass meine Frau ebenfalls sehr mit dem Meer verbunden ist.
Die Ostsee ist Dein fotografischer Schwerpunkt. Was macht das Surfen in diesen kalten und windgetriebenen Wellen für Dich so besonders im Vergleich zu klassischen, warmen Spots?
Der größte Unterschied ist vermutlich, dass man im Wasser fast nur Leute trifft, die es wirklich wollen. Insbesondere im Winter, wenn es so richtig kalt ist und das Wasser auf knapp 4 Grad Wassertemperatur runterkühlt. Ich glaube, diese Leidenschaft sieht man am Ende auch in den Bildern, auch wenn die Wellen meistens alles andere als fotogen sind. Ist es nicht verrückt? Wir suchen und surfen Wellen, die vermutlich in jeder bekannten Surfdestinanation als Layday genutzt werden und das ganze auch noch nicht selten bei Sturm, Regen oder Schnee. Selbst mit diesem Bewusstsein, kenne ich so viele Leute, die zappelig werden, wenn der Wind mal wieder kräftig genug aus der richtigen Richtung weht. Selbst jetzt denke ich mir, “Puhh ich war viel zu lange nicht mehr an der Ostsee surfen” und ich komme gerade von einem 2-monatigen Trip durch Sardinien, Spanien und Portugal…Die Ostsee hat mich auf jeden Fall sehr geprägt, mittlerweile muss ich zugeben, bin ich aber vermutlich öfters in Dänemark im Wasser zu finden, da dort die Wellen einfach noch ein Ticken besser sind.
Die Bedingungen an der Ostsee können rau sein. Wie beeinflusst das kalte Wasser Deine mentale Einstellung beim Surfen? Ist es ein notwendiger Ausgleich, der Dich herausfordert, oder eine Form der Meditation?
Für mich ist es einfach ein ganz besonderer Reiz, insbesondere weil es für viele Vermutlich eine große Überwindung ist und nicht jedermanns Sache. Ich gehe aber z.B auch lieber bei Regen joggen oder fotografiere eher den Sonnenaufgang als den Sonnenuntergang.
Vielleicht ersetzt die Kälte aber auch einfach die “krassen” Wellen und sorgt so für das nötige Adrenalin.
Die deutschsprachige Surfszene, besonders im Norden, ist eng. Welche Rolle spielt der Austausch mit der lokalen Community und anderen Wasser-Enthusiasten in Deinem Schaffen und Deinem Alltag?
Die Surfer sind für meine Fotografie natürlich genauso wichtig wie die Wellen und eigentlich trifft man schon immer das eine oder andere bekannte Gesicht im Wasser. Viel Zeit zum Reden ist da aber meistens nicht und der Austausch findet überwiegend über Instagram statt.
Wie siehst Du die Entwicklung des Surf-Lifestyles und der Surf-Fotografie an der deutschen Küste in den kommenden Jahren? Wird der Sport populärer und welche neuen Geschichten entstehen dadurch?
Subjektiv habe ich das Gefühl, dass der Andrang an den Spots gerade eher rückläufig ist, kann aber auch daran liegen, dass die Corona Jahre absolut crazy waren. Spots, die eigentlich als eher unbekannt galten, waren zu der Zeit völlig überlaufen und an guten Tagen bestimmt an die 200 Leute im Wasser. Schwer zu sagen, wie sich das in den nächsten Jahren so entwickelt, insbesondere wenn der Wavepool bei Hamburg wirklich realisiert werden sollte. Leider habe ich auch oft das Gefühl, dass es an der Ostsee nicht wirklich großes Interesse an dem Surf-Lifestyle gibt. Immer mehr Parkplätze werden mit Höhenbegrenzungen versehen und erschweren uns den Zugang zum Meer… Ach und dann ist da noch das Thema “Wind”, der leider immer seltener aus der richtigen Richtung kommt.
Deine Wasserbilder sind sofort erkennbar. Beschreibe uns bitte Deinen spezifischen Stil.
Welche Rolle spielen das Licht an der Küste und die Postproduktion (Bearbeitung) dabei, den finalen outografie-Look zu kreieren?
Das freut mich natürlich zu hören, ich selber habe eigentlich immer das Gefühl, dass ich meinen Stil noch gar nicht gefunden habe, aber das ist ja vielleicht auch das Spannende an der Fotografie. Mir ist es wichtig, eine Geschichte zu erzählen und das möglichst unverfälscht, deswegen spielt die Postproduktion eigentlich keine große Rolle in meiner Fotografie. Natürlich bearbeite ich meine Bilder, aber das geht selten in eine künstlerische Richtung.
Ich glaube der outografie Look entsteht von ganz alleine, es ist nämlich genau das angesprochene Licht, was häufig fehlt. Die Zeitfenster, in denen wir zum Surfen kommen, sind meistens sehr klein und nicht selten sind die Wellen schneller wieder weg als wir gucken können, da kann ich mir das Licht nicht aussuchen, sondern muss das nehmen, was da ist. Umso wichtiger ist in meinen Augen die Komposition des Bildes. Surffotos leben oft von beeindruckenden oder besonderen ästhetischen Wellen, wenn diese nicht vorhanden sind, muss man einen anderen Weg finden, das Bild spannend zu gestalten. Das kann das raue Wetter, der Surfer selbst oder die Landschaft sein.
Beim Fotografieren in der Welle geht es um einen Sekundenbruchteil.
Wie schaffst Du es, gleichzeitig im Flow des Surfens zu sein und technisch den perfekten Moment des Auslösens zu erwischen?
Hier ist, wie beim Wellenreiten, vor allem eine gute Positionierung extrem wichtig. Wenn du es nicht schaffst, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hast du keine Chance auf ein gutes Bild. Bevor ich also mit meiner Kamera ins Wasser springe, nehme ich mir bewusst Zeit zum Beobachten und fotografiere oft erstmal vom Land. So bekomme ich ein Gefühl für die Welle und mache mir schon vorab Gedanken, wo ich mit meiner Kamera sitzen möchte. An Spots, die man gut kennt und auch selber bereits gesurft ist, fällt das natürlich wesentlich leichter, so versuche ich eigentlich auch immer vorher einmal mit dem Brett selber auf dem Wasser gewesen zu sein, zumindest bei mir unbekannten Wellen.
Im Wasser ist es dann viel Antizipation und im richtigen Moment draufhalten. Mit der Zeit entwickelt man ein ganz gutes Gespür für den Moment, aber es hilft natürlich enorm, wenn man die Welle und auch den Surfer kennt. Die Komposition der Bilder, die ich einfangen möchte, findet meistens vorab in meinem Kopf statt, letztlich muss ich mich auch entscheiden, welches Objektiv ich nutze und welche Einstellungen ich an der Kamera setze. Ich habe zwar ein Gehäuse, welches Zugriff auf alle Einstellungen ermöglicht, aber im Wasser mit dicken Handschuhen ist das dann doch häufig ein sehr schwieriges Unterfangen.
Das Arbeiten im kalten Wasser ist technisch sehr anspruchsvoll.
Was ist die größte technische Herausforderung und welche Ausrüstung (Kamera, Housing etc.) ist Dein wichtigster Begleiter, um diesen Bedingungen standzuhalten?
Vielleicht erst zur Ausrüstung, die unterscheidet sich nämlich nicht, ob ich im warmen oder kalten Wasser fotografiere. Neben der Kamera und dem Housing habe ich immer einenHelm, Flossen und eine Restube dabei. Letztes habe ich noch nie gebraucht, gibt mir aber die nötige Sicherheit beim Schwimmen im Meer.
Bei eisigen Temperaturen, wenn auch die Luft nah am Gefrierpunkt ist, ist die größte Herausforderung die Bedienung der Kamera im Housing. Leider ist es oft so, dass der Pistol Grip (Handgriff mit elektronischem Auslöser) einfach nicht mehr funktioniert und nach einer Zeit klemmt und die Kamera somit im Dauerfeuer-Modus ist. Dann bleibt nur das Auslösen der Kamera über kleine Drucktasten am Wassergehäuse. Hier merkt man dann aber schnell, dass diese nicht auf die Bedienung mit 5mm Neopren Handschuhen ausgelegt sind. Es gibt aber auch ein paar Kleinigkeiten, an die man vielleicht nicht direkt denkt. So ist es enorm wichtig, dass die Luft im Housing die gleiche Temperatur wie die Umgebungsluft hat, ansonsten beschlägt der Lens Port relativ schnell von innen. Hier ist mein Tipp, entweder direkt draußen die Kamera ins Housing packen oder eine gewisse Zeit draußen liegen lassen, zum Beispiel beim Umziehen.
Welche Künstler oder Fotografen (auch abseits der Surf-Szene) inspirieren Deine Arbeit am meisten?
Und welches eine Gefühl möchtest Du dem Betrachter vermitteln, wenn er Deine Bilder sieht?
Mir ist es wichtig, den Betrachter mit in den Moment zu nehmen und die Stimmung vor Ort zu übermitteln. Auf der einen Seite kann das Sehnsucht erzeugen, eine Erinnerung sein oder einfach nur Lust aufs Surfen machen.
Die Frage nach Fotografen, die mich inspirieren, ist für mich immer sehr schwer zu beantworten. Ich arbeite im Marketing und habe sehr viel mit tollen Fotografen und Videografen zu tun, aber auch Instagram ist für mich eine große Inspirationsquelle. Bezogen auf die Surffotografie in der Ostsee muss ich an dieser Stelle aber Christoph Pless alias cold_waves nennen, vermutlich der erste, der bei uns mit Kamera ins Wasser gesprungen ist, noch lange bevor ich angefangen habe. Aber auch die Jungs von binsurfen machen richtig tolle Sachen.
Du bist nicht hauptberuflich als Fotograf tätig. Welche kreative oder persönliche Notwendigkeit erfüllt die Fotografie in Deinem Leben?
Und wo ziehst Du die Grenzen zwischen Hobby, Berufung und dem Wunsch, Deine Arbeit zu teilen?
Das stimmt, die Fotografie ist in erster Linie ein Hobby, wobei die Bezeichnung Hobby vermutlich etwas zu wenig Gewichtung hat. Ich bin ein sehr visueller Mensch und mag es einfach Momente einzufangen, ob nur für mich und meine Familie oder wie beim Surfen öffentlich für alle. Durch die Kamera kann man die Welt ein Stückchen so zeigen, wie man es möchte, und das gefällt mir.
Da ich keine Auftragsfotografie mache, kann ich frei entscheiden, wann und was ich fotografiere und verspüre keinen Druck oder Stress. Das versuche ich mir zu erhalten undso eine Grenze zu ziehen, auch was das Teilen meiner Arbeit angeht. Manchmal mache ich wochenlang nichts und dann gibt es Phasen, wo ich sehr aktiv bin. Der Wunsch, mehr aus der Fotografie zu machen, ist aber nie wirklich weg. Wer weiß vielleicht kommt ja irgendwann nochmal die richtige Anfrage oder Gelegenheit.
Welchen wichtigen Ratschlag würdest Du jungen Fotografen geben, die ihre Leidenschaft für das Meer zum (Neben-)Beruf machen möchten?
Und was steht als Nächstes auf Deiner persönlichen outografie-Bucket-List?
Da bin ich vermutlich der falsche Ansprechpartner, aber da ich oft sehr verkopft an Sachen heran gehe, würde ich sagen, einfach mal ausprobieren… Auf meiner Bucket List steht auf jeden Fall das Thema Video, da würde ich gerne etwas mehr machen und mit meinem Sohn surfen gehen, auch wenn das wohl noch eine Zeit lang dauert.
Das Gespräch mit Malte zeigt eines ganz deutlich: Soul-Surfing hat nichts mit der Wassertemperatur oder der perfekten Barrel zu tun. Es geht um die Einstellung. Es geht darum, den Moment zu nutzen, wenn er da ist – auch wenn es regnet, stürmt oder das Kamera-Gehäuse beschlägt.
Malte beweist, dass man kein Profi-Fotograf sein muss, um eine einzigartige visuelle Sprache zu entwickeln, und dass das größte Abenteuer oft darin besteht, die eigene Leidenschaft für das Meer organisch in den Alltag zu integrieren. Wir sind gespannt, wie er seinen unverwechselbaren Blick in Zukunft auch in bewegte Bilder übersetzt, und freuen uns auf jede weitere Session, die er unter dem Label outografie mit uns teilt. Es ist diese ungeschönte Liebe zur See, die seine Arbeit so inspirierend macht.
Wer mehr von Maltes Arbeiten sehen will, sollte unbedingt auf seinem Instagram-Kanal @outografie vorbeischauen. Packt euch warm ein – es lohnt sich!
Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von outografie – Malte Buck