Schattenseiten des Surfens – 8 gute Gründe nie wieder zu Surfen

Surfen ist eine großartige Sache. Man verbringt Zeit mit Freunden, schließt neue Bekanntschaften, bewegt sich an der frischen Luft und hat Spaß dabei. Doch wie sieht die Realität aus? Ist wirklich alles so cool und easy, wie es in der Werbung und den Surfvideos dargestellt wird? 

Crushing dreams – Die erste Ernüchterung

Sonne, Strand, Sport. Eine ideale Kombination und seit Jahren ein Verkaufsschlager unter reiselustigen Deutschen von 15 bis 50. Doch spätestens wenn die eigenen Fähigkeiten ein fortgeschrittenes Niveau erreichen wird die Sache kompliziert. Sobald nämlich der Stoke über die ersten eigenständig gesurften Wellen langsam nachlässt, gibt es sofort viele neue Dinge zu lernen.

Jetzt müssen die Line-up Regeln sitzen, und das ist nur die erste von vielen Lektionen, die zuvor scheinbar niemand erwähnt hat. Dabei handelt es sich um Dinge, die zwar in keinem Werbeprospekt zu sehen sind, die aber so unvermeidbar zum Surfen gehören wie Brett, Wachs und Welle.

Hier unsere Liste mit den schlimmsten Schattenseiten des Surfens.

1 Umweltverschmutzung

Die Ozeane sind dreckig und werden immer dreckiger. Beim Umweltschutz zeigen wir Deutschen zwar gerne mit dem Finger auf andere Länder und die Großindustrie, schließlich führt Deutschland 70% seines Mülls einer sinnvollen Nutzung als Rohstoff oder Heizmaterial zu. Trotzdem sollten wir uns nichts vormachen, Deutschland ist europäischer Spitzenreiter bei der Herstellung und dem Verbrauch von Verpackungsmaterialien. Alleine im vergangenen Jahr haben wir Folie und Pappe für über acht Milliarden Euro in andere Länder exportiert. Das beinhaltet noch nicht einmal die Unmengen an Verpackung in die unsere Exportgüter eingeschweißt werden, die also zwar im Inland verwendet werden, aber letztendlich doch als Müll in anderen Ländern landen.

Aber solcherlei Details werden in der Szene gerne ignoriert. Als Surfer ist man ja umweltbewusst und sammelt mehrmals im Jahr ein paar Kilo Müll beim Beach-Cleaning. Das reicht nur leider nicht ganz um die 22.000 Tonnen Plastik wieder zu entfernen, die täglich in den Weltmeeren entsorgt werden.

Der Müll verändert sich stetig, während man vor 10 Jahren vielleicht noch eher Gefahr lief, sich an einer herumtreibenden Blechdose zu schneiden oder eine Glasflasche an den Kopf zu kriegen, sind die Gefahren heute oft unsichtbar. Dennoch sollte sich kein Surfer Illusionen hingeben. Das Meer ist voll mit Mikro-Plastik und unerwünschten Stoffen aus Industrie und privaten Haushalten. Darunter Pestizide aus der Landwirtschaft, Hormone aus der Medizin, Schwermetalle aus der Fabriken und Weichmacher die aus Kunststoffen diffundieren, um nur einige Beispiele zu nennen.

Zwar akkumulieren sich die Werte an Schadstoffen im menschlichen Körper nicht so stark wie bei Meerestieren, dennoch ist eine ständige Exposition mit Risiken verbunden. Allen voran Krebserkrankungen, aber auch degenerative Veränderungen der Organe sowie Leber- und Nierenschäden sind nicht auszuschließen. Bisher gibt es nur sehr wenige Daten zu den Langzeitfolgen des Surfens. Aktuelle Studien zur Belastung der Strände und ihrer Wasserqualität geben jedoch Anlass zu Bedenken.

2 Surfen und Gesundheit

Surfen wird gerne als ein sehr gesunder Sport verkauft. Schwimmen ist ja schließlich auch gut für den Rücken, da muss Surfen ja noch besser sein, denkt sich der Laie. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus. Viele der Bewegungen die beim Surfen ausgeführt werden entsprechen nicht unbedingt den Regeln eines gelenkschonenden Ausgleichssports, und auch die äußeren Umstände haben ihre Tücken.

Erkältungen, Stauchungen, Schnitt- und Schürfwunden sowie schmerzende Rippen sind wohl die häufigsten Ursachen für eine Zwangspause im Surfurlaub. Wer dauerhaft am Meer lebt und surft, bekommt es jedoch noch mit ganz anderen Beschwerden zu tun. Permanente Kälte und Wind führen zur Entstehung von Surfers Ear, Bakterien zu Swimmers Ear. Schlechte Haltung, Überbelastung und das lange Sitzen im kalten Wasser sind weit verbreitete Ursachen für Rückenschmerzen. Muskeln und Gelenken plagen fast jeden Surfer über 30, und Schulterentzündungen werden gerne mal chronisch, wenn man sie verschleppt.

Diese Aufzählung beinhaltet auch noch nicht einmal die gängigen Verletzungen durch Wipeouts, Fin-Cuts, verstauchte Sprunggelenke, verdrehte Knie und das gelegentliche blaue Auge, wenn man wieder mal sein Brett an den Kopf bekommen hat. Verletzungen haben immerhin den Vorteil dass der Schmerz irgendwann nachlässt, im Gegensatz zu Langzeitfolgen wie Rheuma, Gicht, Hörproblemen oder die beim Punkt Umweltverschmutzung genannten möglichen Folgekrankheiten der Schadstoffexposition.

Immerhin wurde in einer kürzlich abgeschlossenen australischen Studie ein deutlich vermindertes Risiko für Osteoporose festgestellt, im Gegensatz zu anderen Wassersportarten wie dem Tauchen.

3 Gewalt und Lokalismus

Solange sich die eigenen Fähigkeiten in Grenzen halten, bleiben die Neulinge weitgehend verschont. Die Anfänger-Planke liegt vielleicht mal im Weg und man kassiert einen giftigen Kommentar von den erfahreneren Leuten im Line-up. Da sich der Großteil der eigenen Session aber am Rand abspielt und nicht am Peak, halten sich die Probleme noch in Grenzen.

Sobald man jedoch um Wellen konkurriert, sind Schwierigkeiten vorprogrammiert. Nicht immer, aber häufig auch in Verbindung mit dem weit verbeiteten Phänomen des Localism. Der Ablauf ist dann immer gleich: „Unser Parkplatz, unsere Welle und überhaupt, du bist ja gar nicht von hier und deshalb hast Du keinen Respekt.“ Es wird wild reingedroppt und auf alle losgegangen, die nicht mehr schnell genug zurückziehen, geschweige denn es wagen sich darüber zu beschweren. Je nachdem wo man in Deutschland aufwächst kennt man das alles vom Schulhof. Aber irgendwie besteht ja die wage Hoffnung, dass dieser Quatsch irgendwann aufhört.

Die Romantisierung des Lokalismus als Abgrenzung der Surfkultur gegen Yuppies und Poser spielt dabei auch keine Rolle mehr. Das Aggressionspotential ist heute vollkommen unabhängig von der finanziellen oder sozialen Stellung, dem tatsächlichen Wohnort oder der Herlunft. Der angebliche Lokalismus verkommt zum Ausdruck der Profilneurose einiger frustierter Fanatiker.

Die Folgen sehen immer gleich aus. Surfer geraten in Streit über Nichtigkeiten. Es wird beleidigt, gedroht oder direkt physisch attackiert, Reifen zerstochen, Scheiben eingeschlagen oder Bretter zerbrochen. Und auch so mancher Diebstahl rechtfertigt sich gerne mit der Vorstellung, es den fremden Eindringlingen mal wieder richtig gezeigt zu haben. Bei den Opfern bleiben ein schales Gefühl und die Frage, ob Surfen es wirklich wert ist, sich am Strand irgendeines schönen, exotischen Landes von einer Bande Hobby MMA-Fighter vermöbeln zu lassen.

4 Mangelnde Konsistenz der Wellen

Der Ozean ist unberechenbar und das gilt selbst für Surfer die am Meer leben. Zwar ist die Anzahl der wirklich guten Tage über das Jahr verteilt deutlich höher, als wenn man nur 2 Wochen Urlaub zur Verfügung hat. Doch selbst in Top-Destinationen wie Bali oder Hawaii ist „Epic“ ein dehnbarer Begriff. Fragt man erfahrene Surfer die das ganze Jahr am Meer leben nach der Anzahl der guten Tage pro Jahr, liegt die gängige Antwort so bei 15-30. Bei rund 200 Sessions pro Jahr eine objektiv gesehen eher geringe Ausbeute.

5 Surfen ist undankbar

Abgesehen von den perfekten Tagen, an denen der Peak so sauber läuft wie auf den Fotos der Magazine, ist das reine Verhältnis zwischen Aufwand und Spaß wohl bei kaum einem Sport so gering wie beim Surfen. Begonnen mit der Anreise und einem nicht unerheblichen Materialaufwand, erfordert regelmäßiges Surfen auch sich mit Wind und Wetter auseinanderzusetzen.

Nachdem dann ein Dutzend Mal der Forecast gecheckt wurde, man sich in seinen Wetsuit gequetscht hat und die Gruppe am dritten Strand endlich den Peak gefunden hat, den man sich für diesen Tag wünscht, beginnt die eigentliche Arbeit. Die Zeit im Wasser besteht dann im Schnitt aus 50% Paddeln, 49% Warten und 1 % Surfen. Verglichen mit artverwandten Sportarten wie Skaten oder Snowboarden verbringt man also nur sehr wenig mit den Füßen auf dem Brett.

6 Kooks

In den frühen Tagen des Internetzeitalters hatte Surfen einen gottgleichen Status. Kaum ein Europäer konnte surfen, und wer es konnte war definitiv unter den coolsten Kids seiner Generation. Doch diese Zeiten sind definitiv vorbei und heute mit einem Boardbag den Flieger zu besteigen hat auf der heutigen Coolness-Skala in etwa den gleichen Stellenwert wie ein tiefergelegter VW Polo. Jeder macht es, jeder kann sich in die Szene einkaufen und kleine Boards und fette Klamotten haben absolut nichts zu bedeuten. Kooks sind überall und von den Pros nicht mehr zu unterscheiden. Wer Eindruck schinden möchte sollte sich lieber ein anderes Hobby suchen oder mit entsprechenden Tattoos, Bärten und ausgefallener Kleidung auf sich aufmerksam machen.

7 Die Eintönigkeit der Surfszene

Surfen ist sehr vereinnahmend und die hohe Dichte von Surfern an den einschlägigen Orten sorgt oftmals für eine sehr gleichförmige Zusammensetzung der sozialen Kreise. Das Ergebnis sind Gruppen in denen das Surfen vielfach die einzige richtige Schnittstelle ist. Das führt letztlich dazu, dass es in Gesprächen und bei der Freizeitgestaltung selten um etwas anderes geht als ums Surfen. Ein Traum für jeden enthusiastischen Anfänger, aber auf Dauer unbefriedigend.

8 Haie und andere Meeresbewohner

Es gibt eine Vielzahl maritimer Gefahren, aber gleich nach Strömung und scharfen Riffen ist die Angst vor einem Haiangriff eine der größten Sorgen unter Surfern. Statistisch ist das nicht zu erklären. Auch wenn Haie zu den gefährlichsten Meeresbewohnern gehören, sind Quallen wie die Seewespe oder der in Europa weit verbreitete Fisch mit dem schönen Namen Petermännchen allesamt für mehr Todesfälle verantwortlich.

Wenn ein Spot in der Nähe von Brackwasser liegt, sind je nach Region auch Begegnungen mit Krokodilen nicht zu unterschätzen. Unterm Strich scheint die Vorstellung durch einen kleinen giftigen Stich in die Fußsohle zu sterben wohl attraktiver, als bei lebendigem Leibe von einem 2m großen Fisch verspeist zu werden. Aber auch die modernen Medien, allen voran „Jaws – Der weiße Hai“ haben wohl ihren Anteil an der einschlägigen Furcht der Surfer vor Haiangriffen.

Immer positiv bleiben?

In deutschen Surfblogs scheint es manchmal so, als würden weniger erfreuliche Geschichten gerne ignoriert. Aus Fairness muss gesagt werden, dass die englischsprachigen Medien sich durchaus mit einigen der hier genannten Probleme beschäftigen. Lokalismus und Umweltverschmutzung sind dort regelmäßig wiederkehrende Themen. Trotzdem wird das hierzulande gerne ausgeblendet. Dieser übertriebene Positivismus ist zwar eher untypisch, wir Deutschen meckern und optimieren doch sonst so gerne. Doch das bedeutet nicht, dass die negativen Seiten nicht existent sind.

Stören uns die Probleme auf die wir manchmal treffen vielleicht nicht weil wir beim nächsten Mal einfach woanders hinfahren? Gerade als Vielreisende gehören wir doch zu den Surfern, die das Ausmaß besonders gut erfassen können. Die reisenden Surfer sind es, die den Müll am Strand noch sehen und die selbst regelmäßig mit Lokalismus konfrontiert werden. Trotzdem scheinen diese Themen eher unwichtig gegenüber Fragen wie. „Wo kauft man das schönste Board auf Bali?“, oder „Welchen Neo brauche ich für Süd-Portugal?“.

Letztlich ist es wohl eine kommerzielle Frage. Blogger und Magazine brauchen positive Inhalte. Viele deutsche Vollzeit-Surfer bestreiten Ihren Lebensunterhalt zudem mit Tourismus oder handeln mit Waren aus dem Surfbereich. Da besteht wohl tendenziell wenig Interesse daran potentielle Leser, Gäste oder Käufer mit negativen Nachrichten abzuschrecken.

Lieber nicht mehr surfen gehen?

Bei so vielen Gefahren und Hürden die sich dem Surfanfänger in den Weg stellen, bleibt natürlich die Frage ob sich dass denn alles lohnt, und ob man das Surfen nicht vielleicht doch den Leuten überlassen sollte die es in die Wiege gelegt bekommen. Doch was ist die Alternative? Lieber nicht mehr surfen gehen und einfach ein neues Hobby suchen?

Nein, natürlich nicht!

Unbedingt weiter surfen gehen. Freunde finden, mit denen das Leid geteilt werden kann. Daran glauben, dass die körperliche Ertüchtigung an der frischen Luft die Aufnahme von Toxinen aus dem Meerwasser wieder ausgleicht. Noch mehr Fitness aufbauen, um auch nach dem dritten Freak-Set noch mit einem Lachen zurück an die Oberfläche zu kommen. Sich nicht von Surf-Nazis unterkriegen lassen. Und lernen die eigenen Ängste zu überwinden und zu einem stärkeren und erfüllteren Menschen zu werden. Denn wer kleine Rückschläge mit einem Schulterzucken wegsteckt und immer wieder rauspaddelt, der hat nichts mehr zu befürchten.

Wie seht Ihr das? Welche Tricks nutzt Ihr um nicht aufzugeben? Erleuchtet uns in den Kommentaren.

2 thoughts on “Schattenseiten des Surfens – 8 gute Gründe nie wieder zu Surfen”

  1. Schön geschrieben!
    Stimme dem ganzen teilweise auch wirklich zu. Da ich momentan selber in Europa zum surfen unterwegs bin, spüre ich einige der Punkte am eigenen Leib. Mit am schlimmsten empfinde ich aber die ewige Suche nach einem passenden Spot. Die Zeit die man braucht um bei gewissen Bedingungen was surfbares zu finden ist unglaublich lange. Eine weitere Gefahr geht mittlerweile auch von den Riesen crowds im Wasser aus. Oft muss man viel ausweichen, da hilft auch mittlerweile nicht mehr das frühe Aufstehen. In San Vicente zb. waren wir um Viertel vor 7 schon 35 Leute im Wasser bei kaum surfbaren Wellen, das löst auch nochmal ordentlich Frust aus. Trotzdem lohnt es sich am Ende immer. Selbst wenn man nur eine Wellen bekommt.

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