Abenteuer Angola: Staub, Freiheit und die Suche nach der ewigen Linken – Im Interview mit Pippo Lux

Stell dir vor, du sitzt spätabends vor dem Laptop, zoomst dich durch die einsamen Küstenstreifen Westafrikas und entdeckst auf Google Earth diese eine perfekte, kilometerlange Linkswelle, die völlig unberührt in den Atlantik bricht. Die meisten von uns würden kurz träumen, den Tab schließen und weitermachen. Nicht so Philipp alias „Pippo Lux“.

Pippo gehört zu der Sorte Surfer, für die ein Abenteuer erst dort beginnt, wo der Asphalt aufhört. Nach einem Direktflug von Lissabon nach Luanda ging es mit einem vollgepackten 4×4, einfachen Zelten und einer gesunden Portion Mut im Gepäck auf eine abenteuerliche Reise durch Angola – ein Land, das in der Main Surfwelt noch immer als „Terra Incognita“ gilt. Zwischen bürokratischen Hürden, staubigen Wüstenpisten und der ständigen Herausforderung durch Korruption und logistische Engpässe suchte er nach der Essenz des Reisens: der totalen Freiheit im Line-up.

Wir von Soul-Surfers.de haben uns mit Pippo zusammengesetzt, um hinter die Kulissen seiner beeindruckenden Video-Serie „ANGOLA“ zu blicken. Wir sprechen über die Magie leerer Pointbreaks, die harte Realität vor Ort und die Frage, warum man sich den Stress einer Expedition eigentlich antut, wenn man doch auch einfach an der Algarve surfen könnte.


Pippo, für diejenigen in der Community, die dich noch nicht kennen: Wer bist du, wie lange stehst du schon auf dem Brett und was bedeutet „Surfing“ für dich ganz persönlich?

Ich bin Philipp, aber meine Freunde nennen mich Pippo. Ich bin 38 Jahre alt und habe mir durch meine Selbstständigkeit die Freiheit geschaffen, am Meer leben zu können. Obwohl ich mit 16 das erste Mal auf einem Brett stand, zähle ich meinen eigentlichen „Beginn“ erst mit 33 – da bin ich ans Meer gezogen und habe angefangen, wirklich täglich zu trainieren. Surfen ist für mich mehr als Sport; es war der Grund für eine komplette Lebensumstellung. Es bedeutet für mich, im Moment zu sein und mein Leben nach der Natur auszurichten.

In deinen Videos sieht man dich oft im 4×4 an Orten, die weit weg vom Massentourismus liegen. Was macht für dich den Reiz dieser eher minimalistischen und rauen Art des Reisens aus?

Ich hatte noch nie großes Interesse an klassischen Surf Camps und gereizt haben mich immer Orte, die abseits der bekannten Instagram Blasen liegen. Diese raue Art des Reisens gibt mir eine Unabhängigkeit, die du im Hotel nicht hast. Du bist eins mit der Umgebung, musst dich um dein eigenes Wasser, dein Essen und deine Technik kümmern. Es ist die Suche nach dem Abenteuer und der Wunsch, Land und Leute so zu erleben, wie sie wirklich sind – ungeschönt und echt.

Wenn du gerade nicht in Angola oder an anderen fernen Küsten unterwegs bist – wo ist dein „Happy Place“ im Wasser?

Mein Lebensmittelpunkt und damit mein täglicher Happy Place ist die Algarve in Portugal. Besonders die frühen Morgenstunden haben es mir angetan. Wenn ich bei einer „Early Bird Session“ die ersten Wellen des Tages fast alleine erwische, gibt mir das die nötige Energie für den restlichen Tag im Homeoffice.

Angola steht bei den meisten Surfern nicht unbedingt ganz oben auf der Bucket List. Wie kam es zu der Entscheidung, ausgerechnet dorthin zu reisen?

Es war die Neugier auf das Unbekannte. Ich habe die Westküste Afrikas auf Google Earth gescannt und diese perfekten Linkswellen gesehen, die dort völlig unberührt in den Atlantik laufen. Wir wollten wissen: Sind diese Wellen real? Kann man sie surfen? Die Suche nach qualitativ hochwertigen Wellen, die man mit niemandem teilen muss, war der Hauptantrieb.

Ein Visum für Angola und die logistische Planung vor Ort gelten als schwierig. Was war die größte bürokratische oder organisatorische Hürde vor dem Abflug?

Das Visum braucht es seit kurzem zum Glück nicht mehr, aber die größte Hürde war eigentlich die Logistik vor Ort und die Organisation der Crew. In ein Land wie Angola fährst du nicht allein. Es ist extrem schwierig, Leute zu finden, die bereit sind, das Geld und das Risiko zu investieren. Kurz vor Abflug gab es dann noch Unruhen in Luanda – da stand alles kurzzeitig auf der Kippe. Aber wir haben uns entschieden: Wir ziehen das jetzt durch.

Hand aufs Herz: Wie war das Gefühl, als du das erste Mal aus dem Flugzeug in Luanda gestiegen bist? War da mehr Vorfreude oder eher Respekt vor der Ungewissheit?

Es war eine massive Mischung aus beidem. Wenn man die Türen des Flugzeugs verlässt und diese Hitze und den Chaos-Vibe von Luanda spürt, ist der Respekt sofort da. Aber die Vorfreude darauf, endlich den Traum wahrzumachen, den man monatelang geplant hat, war am Ende stärker. Wir waren einfach bereit für das, was kommt.

Kommen wir zum Wesentlichen: Die Wellen. Angola ist berühmt für seine endlos langen Linkswellen. Haben die Spots das gehalten, was die Google-Earth-Bilder versprochen haben?

Absolut. Es ist fast surreal, wenn du nach Tagen im Staub an einen Spot fährst, den du nur als Pixel auf dem Bildschirm kanntest, und die Wellen laufen genau so mechanisch ab. Diese Länge der Pointbreaks ist phänomenal – man surft dort Wellen, die so lang sind, dass man danach erst mal den Strand zurücklaufen muss, weil die Arme zu müde zum Zurückpaddeln sind.

Wie voll war es in den Line-ups? Teilt man sich die Wellen mit Locals oder warst du meistens allein mit deiner Crew?

Das war sehr unterschiedlich. In Cabo Ledo haben wir die angolanische Nationalmannschaft getroffen. Das Niveau dort ist extrem hoch, aber die Atmosphäre war super herzlich und respektvoll. An anderen Spots waren wir dann aber oft komplett allein. Da gab es Momente, in denen wir Weltklasse-Wellen stundenlang nur unter uns gesurft sind.

Hattet ihr während des Trips eine Lieblingswelle, die besonders herausgestochen ist?

Cabo Ledo war als Einstieg fantastisch, aber es gibt noch viele weitere gute Optionen die nicht so leicht zu erreichen sind. Da gab es eine spezielle Linke, die einfach nicht aufzuhören schien. Wenn das Licht der untergehenden Sonne auf die Wüste fällt und du diese Welle reitest – das brennt sich ein.

Gab es auch gefährliche Momente im Wasser oder Situationen, in denen du die Kraft der Wellen unterschätzt hast?

Ja, wir haben einen Spot gefunden, einen sehr aggressiven „Slap“, der über extrem flachem Riff bricht. Da wurde mir kurz mulmig, als ich sah, wie Giorgio dort „over the falls“ ging, und sich Hals und Nase aufgerissen hat. In Angola gibt es keinen Rettungsdienst, der dich mal eben einsammelt. Da lernst du ganz schnell, deine Grenzen zu respektieren.

Surfen in Afrika bedeutet oft auch, mit extremer Armut und den Folgen der Geschichte konfrontiert zu sein. Wie hast du die Menschen in Angola und ihre Gastfreundschaft erlebt?

Die Armut ist präsent und lässt dich nicht kalt. Das Leben dort ist für viele sehr hart. Viele plagen existenzielle Sorgen von denen wir uns keine Vorstellung machen können und gleichzeitig spürt man dennoch eine Lebensfreude, die ansteckt!

Gibt es eine Begegnung mit einem Local, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Da gab es diesen Soldaten im Süden, der gleichzeitig Fischer war. Wir haben uns lange unterhalten – er hatte ein enormes Wissen über globale Politik und das Weltgeschehen. Das hat mir mal wieder gezeigt, wie sehr unsere Vorurteile oft an der Realität vorbeigehen. Wir haben auch mit Fischern Fußball gespielt und Ausrüstung gegen frischen Fisch getauscht – das sind die Momente, die bleiben.

Die Infrastruktur außerhalb der Hauptstadt ist oft rudimentär. Wie sah euer Alltag aus? Wo habt ihr geschlafen und was gab es zu essen?

Unser Alltag bestand aus Fahren, Wellen suchen, Kochen und Schlafen. Wir haben in Zelten übernachtet, dort wo wir uns entschieden haben zu bleiben. Das war teilweise in der Wüste und teilweise an Stränden kleiner Fischer Siedlungen. Gekocht wurde auf einem Brennstoffkocher, da Gas vor Ort nicht verfügbar ist. Es gab viel Reis, Fisch von den Einheimischen und das, was wir im Auto verstauen konnten. Es ist ein sehr einfacher, aber erfüllender Rhythmus.

Wie sicher hast du dich während des Trips gefühlt? Gab es brenzlige Situationen mit der Polizei, dem Militär oder der Natur?

Ich habe mich grundsätzlich sicher gefühlt, aber man muss die Regeln kennen. Die Polizei an den Checkpoints kann schwierig sein. Wir mussten einmal ein „Bußgeld“ von 120 € auf 20 € herunterhandeln. Man muss da ruhig und freundlich bleiben. Auch die Begegnung mit vermummten Sicherheitskräften auf Pick-ups gehört zum Straßenbild, aber wenn man respektvoll auftritt, wird man meistens durchgewinkt.

Ein Trip wie dieser ist oft eine mentale Achterbahnfahrt. Was war dein absoluter Tiefpunkt der Reise?

Die Gruppendynamik unter extremen Bedingungen. Wenn man einen Monat lang im Staub lebt, wenig schläft und die Bedingungen im Wasser mal nicht passen, dann liegen die Nerven blank. Die schwersten Momente waren die Entscheidungen, ob man einen Spot verlässt, in der Hoffnung, dass es woanders besser ist, oder ob man bleibt. Dieser mentale Druck kann anstrengend sein, vor allem weil ja keiner von uns genau wusste wann welche Bedingungen welche Spots zum laufen bringen. Aber auch das gehört dazu und wir als Gruppe haben dennoch immer zusammengehalten.

In deinen Videos wirkt alles sehr ästhetisch und flüssig. Wie viel „Arbeit“ steckt eigentlich darin, so ein Abenteuer filmisch festzuhalten, während man eigentlich nur surfen will?

Es ist ein Spagat. Ich habe jeden Tag etwa 1,5 bis 2 Stunden mit Filmen, Sichern der Daten und Notizen verbracht. Ich wollte aber keinen künstlichen Stress. Die Geschichte ist organisch entstanden – ich habe einfach dokumentiert, was passiert ist, ohne ein festes Drehbuch im Kopf zu haben. Aber klar, manchmal würde man lieber liegen bleiben, wenn es morgens noch kalt ist und nieselt und der Wind bläst, statt die Kamera für den Sonnenaufgang aufzubauen.

Hat Angola deine Sicht auf das Surfen oder auf das Reisen im Allgemeinen verändert?

Definitiv. Es hat mir gezeigt, dass die besten Erlebnisse dort warten, wo es unbequem wird. Es hat meinen Fokus noch mehr auf die Qualität der Erfahrung und die Begegnungen gelenkt, statt nur auf die Anzahl der gesurften Wellen.

Wenn jetzt jemand nach deinen Videos sagt: „Da muss ich auch hin!“, was ist der wichtigste Rat, den du dieser Person mit auf den Weg geben würdest?

Bereite dich extrem gut vor, aber sei bereit, alle Pläne über den Haufen zu werfen. Du brauchst ein robustes Setup, gute Begleiter und die Fähigkeit, über Dinge zu lachen, wenn sie schiefgehen. Angola ist kein Land für Anfänger, was die Reise-Logistik angeht.

Was waren die drei essenziellen Dinge in deinem Gepäck, ohne die der Trip gescheitert wäre (außer Surfboards)?

1. Ein Multi-Fuel-Kocher, der mit Diesel oder Benzin läuft. 2. Ein wirklich gutes Kopfkissen – guter Schlaf ist bei so einem Trip Gold wert. 3. Was ich nicht hatte, aber gerne gehabt hätte: Ein gutes Buch für die langen Stunden in der Wüste, in denen keine Welle lief.

Letzte Frage: Der Trip ist vorbei, die Clips sind online. Wo geht die Reise als Nächstes hin? Bleibst du auf dem afrikanischen Kontinent oder zieht es dich ganz woanders hin?

Afrika hat eine ganz eigene Magie, die mich sicher wieder anziehen wird. Aber jetzt genieße ich erst mal die Konstanz hier in Portugal. Wo es als Nächstes hingeht, weiß ich noch nicht genau – aber mein 4×4 ist immer einsatzbereit!


Angola ist kein Ort für Urlauber, die Sicherheit und Komfort suchen. Es ist ein Land für Entdecker, die bereit sind, für eine Welle den Staub der Wüste zu schlucken und sich auf die Unwägbarkeiten Afrikas einzulassen. Pippos Reise zeigt uns eindrucksvoll, dass es sie noch gibt: die weißen Flecken auf der Landkarte. Doch so ein Trip gelingt nicht im Alleingang. Pippo betont immer wieder, wie wichtig der Respekt vor der lokalen Kultur und die Verbindung zu den Menschen vor Ort ist.

Ein besonderer Dank und eine dicke Empfehlung geht in diesem Zusammenhang an Bruno Ledo. Als Local Guide und Herz der angolanischen Surf-Community war Bruno eine unverzichtbare Stütze für das Team. Wer selbst mit dem Gedanken spielt, die endlosen Linken Angolas zu erkunden, kommt an Bruno nicht vorbei. Er kennt die Küste wie kein zweiter und schlägt die Brücke zwischen reisenden Surfern und der lokalen Gemeinschaft.

Pippos Abenteuer ist eine Erinnerung daran, dass Surfen am Ende genau das ist: Eine Suche. Nicht nur nach der perfekten Welle, sondern nach den Geschichten, die dazwischen passieren.


Mehr Infos & Kontakt: YouTube: Pippo Lux | IG: @pippo_lux | Angola-Guide: @bruno_ledoFotos (z.T.): @andreasmuellnerphoto

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Pippo Lux und Freunden

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